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Leben ist Risiko

Von: Prof. Dr. Erich W. Burrer | 06.06.2013

Das Leben ist ein einziges Risiko. Ohne Risiko kann man letztlich nicht leben. Ich habe es mal vor einiger Zeit so formuliert: „No risk, no fun“. Das ist natürlich überspitzt und soll Sie nicht veranlassen, jetzt Dinge zu tun, die Sie das Leben kosten. Nichts destotrotz, der Mensch ist geboren, damit er überlebt. Er ist nicht geboren, um sich zu konservieren.

Walser-ZitatDiese Sichtweise stellt zum Teil ein großes Problem für unsere zivilisierte Gesellschaft dar. Es ist ein Problem, weil die Fürsorge, die wir uns alle gönnen, eher die Tendenz beinhaltet, zu bewahren oder zu konservieren. Die Mutter sorgt sich um das Kind, der Partner um die Partnerin und umgekehrt. Die Gesellschaft erwartet , dass sie geschützt und letztlich “versorgt” wird. Wenige begreifen, dass wir heute auf Grund einer relativ friedlichen Zeit in Europa eine große Chance haben, selbständig zu entscheiden, was sie tun. Wir könne aus eigener Kraft heraus meist entscheiden, welchem Risiko wir uns stellen. Tatsache ist aber: Ohne Risiko geht es nicht.

Risiko beinhaltet aber nicht nur, dass wir uns dem Beruf mit mehr oder weniger Erfolg stellen. Das Risiko des Lebens fängt viel früher an. Es fängt an, wenn wir gestalten, wenn wir emotional verantworten, was wir tun, weil wir auf dieser Erde leben. Dies ist nicht selbstverständlich. Es gibt Menschen, die im Krieg waren und zurückkommen, wie damals die Vietnam-Soldaten. Sie haben im Krieg enorme Risiken ertragen und vielleicht mit großem Glück überlebt. Sie waren aber manchmal nicht mehr in der Lage, in einer Beziehung sich selbst zu verantworten und das Risiko einzugehen, Fehler zu begehen und Konflikte zu bewirken, z.B. die Partnerin ungewollt zu verletzen und diese Handlung zu verantworten. Das gelang ihnen nicht. Sie wollten entweder agieren und Großes vollbringen oder sich zurücklehnen und geschützt werden.

Im Alltag sehen wir dieses Phänomen, zu agieren, dann Schutz zu suchen, viel häufiger. Wenn z.B. Männer im Beruf sich behaupten, kommen sie nach Hause, setzen oder legen sich z. B. vor den Fernseher, trinken ein, zwei oder sogar drei Bier und warten, bis sie einschlafen. Jetzt stellt man sich vielleicht die Frage, wo ist deren Verantwortung? Der Ehemann wird natürlich sagen: „Ich habe den ganzen Tag gekämpft.“ Die Frau wird sagen: „Du hast nur deine Arbeit gemacht, ich aber kümmere mich um das Wesentliche, um das, worum es wirklich geht, um die Kinder, und die Familie.”

Man kann jetzt unendlich diskutieren, was Risiko im Beruf ist und was Risiko in der Beziehung ist. Man wird wahrscheinlich keine richtige Antwort finden. Es sei denn, man ist bereit zu verinnerlichen, worum es geht. Es geht darum, dass wir im Leben unseren Mann und unsere Frau stehen, bzw. das Risiko tragen, andere, die vermeintlich anders denken, auch versehentlich zu verletzen. Für den in sich ruhenden Menschen ist es kein Risiko, da er für sein Ich einsteht und auch dafür kämpft. Für ihn ist es nur Autonomie, d.h. die Bereitschaft, zu sich zu stehen. Für das Gegenüber ist seine Haltung aber vielleicht eine Herausforderung und ein Affront, weil er sozusagen narzisstisch, selbstherrlich oder dominant wirkt.

Es ist im Grunde genommen egal wie man ist. Es gibt keine Lösung, es richtig zu machen. Es sei denn, man geht in eine Marketing-Firma und erfährt, wie man sich selbst ohne Risiko “verkaufen” könnte. Es geht im Leben primär um die Bereitschaft, ob man sich einbringen will oder nicht. Will man ertragen, dass der andere einen am nächsten Tag nicht grüßt und dass der Arbeitgeber vielleicht unzufrieden ist? Das ist Risiko.

Noch klarer wird, was Risiko bedeutet und Fehler zu begehen, in der Familie. Es geht vielleicht um die Frage: „Will ich geliebt werden oder will ich in erster Linie ich selbst sein?” Natürlich wollen wir beides. Ich auch. Nur, der eine Mensch unterscheidet sich vom anderen, indem er sagt: „Ich gehe das Risiko ein, auch wenn ich nicht geliebt werde, so zu sein wie ich bin.“ Der andere sagt: „Ich will geliebt werden und gehe kein Risiko ein, Fehler zu begehen.“ Indem dieser nämlich dem anderen alles recht macht, hofft er, dass er dafür Zuwendung erhält. Das ist ehrenwert. Das ist toll. Nur ist es nicht die Bereitschaft zum Risiko “Leben” bzw. dem, was dieses uns abfordert. Es will sozusagen, dass wir die Widrigkeiten desselben bestehen.

Bis vor wenigen Jahrzehnten war es ganz normal, dass der Mensch immer ums Überleben kämpfte. Bevor Penicillin entdeckt wurde, war es üblich, dass man Krankheiten übersteht oder stirbt. Erst durch die moderne Antibiotika-Forschung, durch die technischen Errungenschaften der Medizin, sind die Risiken im gesundheitlichen Bereich reduziert worden. Damit kam aber der Wunsch auf, dass man Kinder so fürsorglich erzieht, dass sie keine Infekte bekommen, z.B. indem man sie möglichst und steril vor Infekten beschützt, fürsorglich davor bewahrt, dreckig zu werden, letztlich auch davor bewahrt, mit anderen Kindern zu spielen, die sie vielleicht schlagen oder verletzen könnten. Man hat also versucht, Kinder in eine Art Heringsdose zu sperren. Die Lehrer hat man, humorvoll bemerkt, gleich mit in diese befördert. Manche nannte dies u.U. eine moderne fürsorgliche Pädagogik. Diese führte aber meist dazu, dass Kinder ausgebrochen sind, sei es, indem sie Drogen konsumierten, sei es dass, sie hypermotorisch wurden oder dass sie andere Dinge anstellten, die ihre Eltern zur Weißglut brachten. Das Extrem begegnete einem, wenn dieser Kinder die Diagnose “ADHS-Syndrom” erhielten und ihnen das Morphiumderivat Ritalin verordnet wurde.

Man kann darüber nachdenken, ob nicht viele dieser Störungen vermeidbar gewesen wären, wenn man die Kinder in das Risiko des Lebens besser eingeführt hätte, sprich: „Menschen sind ungerecht, Lehrer auch. Eltern machen auch Fehler und widersprechen sich manchmal. Die Regierung macht auch vieles falsch, Kinder ebenfalls.”

Was ist daran schlimm?

Daran schlimm ist, dass wir oft eine falsche Zielvorstellung haben, dass wir eine falsche Ethik entwickelt haben, die darin besteht, dass man sich nur in Harmonie, Würde und Liebreiz begegnet. Keiner sagt nach Möglichkeit mehr, was er denkt. Hier ein Beispiel. Gehen Sie einmal auf Gesellschaften und fragen die anderen, was diese denken. Sie werden häufig hören, was richtig und falsch ist. Der eine oder andere wird zitieren, was er in anspruchsvoller Literatur gelesen hat. Sie werden brillante Monologe hören. Am Ende wissen Sie aber immer noch nicht, was der andere denkt und fühlt.

Dafür nahmen Sie an einer guten Unterhaltung teil und gehen entspannt nach Hause. Sie sind vielleicht intelligenter als vorher. Von Risiko und Bereitschaft zur Verantwortung ist aber wenig zu spüren. Diese Haltung macht uns manchmal krank. Sie macht uns müde. Sie führt dazu, dass wir im Leben manchmal das Gefühl haben, irgendetwas stimmt nicht bei uns. Das ist der Grund, warum Menschen eine “Midlife Crisis” durchleben. Das ist der Grund, warum Kinder in der Pubertät oft ausbrechen. Das ist der Grund, warum vielleicht ein Pensionär, wie er in einem lustigen Film aus Hollywood mit Kirk Douglas und anderen dargestellt wurde, sich vornimmt, eine Bank auszurauben. Der Mensch hat es vielleicht satt, kosmetisch durchs Leben zu gehen, geschniegelt und gebügelt, ohne Risiko, ohne Verantwortung und “ohne Leben”.

Man kann trotzdem darüber diskutieren, ob es vielleicht schöner ist, ohne Risiko zu leben, z.B. in der Einliegerwohnung oder der Komfortwohnung der Eltern, einschließlich bezahltem Auto und dergleichen. Die Herausforderung des Lebens geht dabei aber meist an einem vorüber.

Es fehlt die Herausforderung, weil der Mensch nur über die Bewältigung derselben sich spürt. Wir spüren uns nicht wirklich, wenn wir zuhause sitzen, an Weihnachten gut essen und trinken und uns lieb haben. Wir spüren uns, wenn wir etwas tun, was uns herausfordert, sei es ein Abenteuerurlaub, sei es ein Streitgespräch oder sei es einfach ein Waldspaziergang, bei dem man spürt, dass man frei atmet, dass man ein “Ich” hat und dass man frei denken kann.

Diese Fähigkeit geht viele Menschen verloren, weil sie keine Zeit haben oder sich keine Zeit nehmen. Man braucht eben auch Zeit, um Risiken zu überleben. Wenn man nämlich wie junge Menschen durch soziale Grenzen bis zur Verzweiflung frustriert ist, stürzt man sich ohne große Vorbereitung gehetzt und spontan in Risiken. Diese berauschen. Sie bezahlt man aber nicht selten mit dem Leben.

Denken Sie an die U-Bahn-Surfer, die große Risiken eingehen. Sie legen sich auf die U-Bahn und riskieren ihr Leben. Oder denken Sie an all die kriminellen Aktivitäten junger Menschen, die diese begehen, um sich endlich zu spüren. Sie könne aber auch die Red Bull Reklame anschauen, die den Protagonisten “Flügel verleiht”. Nicht selten bezahlen diese ihren Wagemut, von Bergen oder Häusern mit Hilfe eines Fallschirms oder anderer Flughilfen zu springen, mit dem Leben. Das Filmteam oder sie selbst haben keine Zeit, Vorbereitungen (die viel Geld verschlingen) vorher wegen schlechter Windverhältnisse u.a. abzubrechen.

Es gibt aber auch sehr erfreuliche Beispiele, wie Menschen sich aus den Fesseln der sie beengenden Zivilisation retten und das Risiko suchen. Ich habe einmal einen jungen Patienten gehabt, der zu mir sagte, das normale Leben öde ihn an. Er wolle nur eines: Den Kick! Und wenn er den nicht habe, dann sei das Leben für ihn sinnlos. Dann habe ich ihn gefragt, ob er denn auch das Risiko auf sich nehme zu sterben. Ja sagte er. Es öde ihn an, in einer Gesellschaft zu leben, in der es nur Gebote gibt, Verbote, Anpassung, Unterwerfung und eine Pseudoharmonie, die nicht der Wirklichkeit entspricht. Ich will leben, fuhr er fort. Und dann ist er zuhause aus der Einliegerwohnung ausgezogen. Sein Auto hat er daheim gelassen und ist ins Ausland. Dort hat da angefangen zu leben, erfolgreich. Er hatte es einfach satt, satt zu sein.

Die Entscheidung für das Risiko entspricht also durchaus unseren natürlichen Bedürfnissen. Diese hat gar nichts mit blindem Risiko, mit willkürlichen Verletzungen des anderen oder mit Kriminalität zu tun. Es ist einfach unsere Bereitschaft, Schwierigkeiten unseres Lebens zu bewältigen, gebraucht, gefordert zu werden und uns zu spüren.

Es gibt natürlich trotz aller Argumente Menschen, die weiter der Meinung sind, dass man keine Risiken im Leben eingehen muss, dass man sozusagen wie ein Mönch ohne jedes Risiko leben kann. Aber diese muss ich mit einer wichtigen Erkenntnis konfrontieren. Ein Mönch geht sehr viele Risiken ein, nämlich das Risiko, dass er mit sehr wenig, um nicht zu sagen nichts, in seinem Leben zurecht kommt, dass er in seiner Bescheidenheit zufrieden ist und dass er seine Ansprüche auf das reduziert, was ihn dann als Mensch ausmacht. Anders ausgedrückt: Indem er seine Bescheidenheit ins Extreme steigert, findet er vielleicht zu sich selbst. Dieser Prozess gelingt aber nicht ohne Belastungen, nicht ohne Schwierigkeiten, nicht ohne Risiko, nämlich sich zu verlieren, bzw. sich nicht zu finden.

Ich selbst übte Bescheidenheit einmal nur beim Essen, indem ich eine Woche fastete. Nach drei Tagen habe ich heimlich etwas gegessen. Mir ist es also nicht gelungen, ohne weiteres auf Essen zu verzichten. Erst als ich acht Tage fastete, konnte ich die Entbehrungen tolerieren. Dann stellte sich die bekannte leichte Hungereuphorie ein und eine empfundene innere Freiheit. Sie entsteht, wenn wir nur noch wenig, sozusagen nichts benötigen. Man hat den Kopf frei und findet gewissermaßen zu sich. Aber auch dieser Zustand geht nur mit massiven Einschränkungen des Stoffwechsels und des Kreislaufs, also mit Risiken einher.

Grundsätzlich kann man sagen: Man findet sich auch durch das Risiko des Verzichts. In wörtlicher Rede klingt es vielleicht so: „Indem ich nichts esse, spüre ich mich. Weil ich meinen Hunger, meinen Verzicht und meinen Körper spüre, der sich mit einem Minimum zufrieden gibt, nämlich damit, dass ich morgens aufstehe und atme, lebe ich!”

Zusammenfassend geht es mir darum, verständlich zu machen, dass der eine oder andere sich entscheiden muss, ob er sich zum Risiko seines Lebens durchringt und sich folgendes eingesteht: „Nur wer auch Pech erlebt, weiß, was Glück ist. Nur wer Hunger hat, weiß, wie gut es ist, gesättigt zu sein. Nur wer auch verlassen wird, weiß wie schön es ist, Besuch zu bekommen. Nur wer auch traurig ist, weiß wie schön es ist, glücklich zu sein.”

Wer sich in der Polarität des Lebens zurechtfindet, akzeptiert vielleicht das, was man mit Risiko oder “Lebensrisiko” bezeichnet. Er muss nicht unbedingt bergsteigen oder fallschirmspringen. Er muss aber die Bereitschaft haben, zu leben. Und Leben heißt Risiko, Leben heißt: „Ich verantworte meine Fehler.” Oder wenn Sie religiös denken: „Ich verantworte meine Sünden.”

Ich möchte es einmal als Zitat von Martin Luther ausdrücken, der sagte: „Sündige tapferen Herzens“. Leben heißt deshalb, manchmal grosse oder kleine Fehler zu begehen. Leben heißt, diese zu verantworten und dadurch zu reifen. In diesem Sinne sehe ich eigentlich keine andere Möglichkeit, als Risiken im Leben auf sich zu nehmen.