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Menschenrechte in Gefahr

Bericht über Hilfseinsätze bei den Geflüchteten in Griechenland

Das mediale Interesse an dem Schicksal der Menschen, die aus den Ländern des globalen Südens nach Europa kommen und den lebensbedrohenden Verhältnissen in ihren Heimatländern entfliehen wollen, hat in den letzten Jahren nachgelassen. Aktuell gibt es zwar eine überwältigende Hilfsbereitschaft für die vielen Menschen, die dem furchtbaren Krieg in der Ukraine entfliehen und in ganz Europa Schutz suchen, die Bedingungen, unter denen die Flüchtlinge an unseren südlichen Außengrenzen leben müssen, dürfen aber darüber nicht in Vergessenheit geraten. Dazu soll der folgende Bericht von Dr. Arndt Dohmen, Arzt im Bereitschaftsdienst im Sigma-Zentrum, einen Beitrag leisten.

„Der Entschluss, mich an einem medizinischen Hilfseinsatz im Flüchtlingslager Kara Tepe auf der griechischen Insel Lesbos zu beteiligen, ist entstanden aus Wut und Enttäuschung über die in meinen Augen menschenverachtende europäische Flüchtlingspolitik, die an den Außengrenzen unseres Kontinents und insbesondere im Mittelmeer ein Massengrab für Menschen in Not geschaffen hat. Den Menschen, die diese mörderische Grenze überwunden haben und nun in gefängnisähnlichen Verhältnissen auf eine neue Chance für ihr Leben warten, zumindest symbolische Solidarität zu zeigen, war der Antrieb für meine beiden Einsätze im Winter 2021 und 2022.

Gleich nach meiner ersten Ankunft im vergangenen Jahr bekam ich einen ersten bedrückenden Einblick in das Alltagsleben der Menschen, die in diesem Lager leben. Die Koordinatorin des Teams, eine Hebamme aus Norwegen, führte mich zusammen mit einem der Dolmetscher zu Beginn einmal durch das ganze Lager. Hier lebten damals mehr als 7.000 Menschen in Zelten direkt am Meer. Nach offiziellen Angaben des UNHCR waren davon 72% aus Afghanistan, 9% aus der Demokratischen Republik Kongo, 7% aus Syrien, 4% aus Somalia und 2% aus dem Irak. 23% der Geflüchteten waren Frauen, 37% Kinder und von diesen 70% unter 12 Jahren und 4% unbegleitet.

Das Camp war als Notlösung innerhalb weniger Wochen errichtet worden, nachdem im September 2020 das ursprüngliche Lager Moria mit damals über 20.000 Bewohner* durch einen Brand komplett zerstört worden war. Bei Sturm und Regen stehen die Wege zwischen den Zelten des neuen Lagers und ein Teil der Zelte auch direkt unter Wasser, sodass einige Wochen nach Inbetriebnahme in einem besonders betroffenen Areal die Zelte wieder abgebaut werden mussten, weil sich ein See gebildet hatte, in dem die Zelte keinen Halt mehr fanden. Die Zelte sind nummeriert und in Bereiche aufgeteilt: so gibt es einen Bereich für Familien, einen Bereich für alleinlebende Frauen und Frauen mit Kindern, einen Bereich für unbegleitete Kinder und Jugendliche und einen Bereich für alleinstehende Männer. In diesem Bereich des Camps kommt es immer wieder zu Streit und auch körperlicher Gewalt.

Auf dem Gelände des Camps befinden sich auch mehrere Container, in denen verschiedene Dienste ihre Büros haben: Polizei, Einwanderungsbehörde, gesundheitliche Versorgung, Sozialdienst, Behörde zur Organisation des Transfers aufs Festland. Eine Schule gab es früher in Moria und seit der Eröffnung des Lagers Kara Tepe in einem auswärtigen Gebäudekomplex, in dem auch andere Freizeit- und Therapieangebote gebündelt sind. Die Schule wurde allerdings vor einigen Monaten von Rechtsextremen niedergebrannt, seither gab es für längere Zeit für Kinder der Geflüchteten keine Möglichkeit mehr, eine Schule zu besuchen. Und auch alle anderen Kultur- und Freizeitangebote wurden wegen der Corona-bedingten Lockdownmaßnahmen seit Monaten komplett eingestellt.

Bei meinem zweiten Einsatz Anfang dieses Jahres hatte sich diese Situation deutlich verändert. Jetzt steht etwas abseits der Wohncontainer und Zelte auf der Anhöhe ein Fußballplatz zur Verfügung und außerhalb des Camps können die Bewohner auch andere Freizeitangebote wahrnehmen (Basketball, Bouldern, Yoga, Fahrradwerkstatt, Gartenarbeit u.v.m.). Die bemerkenswerteste Entwicklung haben die Geflüchteten selbst eingeleitet: Auf Initiative eines afghanischen Ingenieurs, der selbst seit 2019 als Asylbewerber in Kara Tepe lebt, ist eine selbst verwaltete Schule entstanden, in der 20 Lehrer Unterricht anbieten in verschiedenen Sprachen, Mathematik, Kunst und Gitarrenunterricht, an dem 200 der derzeitigen Campbewohner aller Altersklassen regelmäßig teilnehmen.

2x täglich werden Mahlzeiten ausgeteilt, das Mittagessen ist warm und wird von den Bewohnern so eingeteilt, dass es auch noch für den Abend reicht. Möglichkeiten zum eigenen Kochen sind in den Zelten offiziell nicht gegeben, die verschiedenen kulturellen Ernährungsgewohnheiten werden im Speiseangebot nicht berücksichtigt.

Fließendes Wasser gibt es im ganzen Lager nicht. An mehreren Stellen wird Wasser in großen Containern vorgehalten, die durch Tanklastwagen regelmäßig aufgefüllt werden. Auch Duschen, an denen es 2021 noch sehr mangelte, werden auf diese Weise mit Wasser versorgt.

Die Stromversorgung erfolgt über einen Diesel-Generator und war 2021 für den Bedarf der vielen Menschen nicht ausreichend. Es gab eine Stunde Strom am Morgen, 2 Stunden am Nachmittag und teilweise auch in der Nacht. Wenn es besonders kalt war und die Bewohner sich in den Zelten an elektrischen Heizgeräten wärmen mussten, reichte die Stromversorgung nicht mehr für alle Zelte, dann war sie immer nur für die Hälfte der Zelte verfügbar. Diese Verhältnisse haben sich innerhalb des letzten Jahres entspannt. Waren im Winter 2021 noch 7.500 Menschen in Kara Tepe untergebracht, so hat sich diese Zahl inzwischen auf 1.700 Menschen im Winter 2022 reduziert. Das hat folgende Gründe:

  • Vor einem Jahr wurden Genehmigungen zur Weiterreise aufs Festland sehr restriktiv gehandhabt – medizinische Gründe wurden nur anerkannt, wenn es sich um lebensbedrohliche Erkrankungen handelte, die auf der Insel nicht behandelt werden können. Inzwischen hat sich die politische Linie der Regierung in diesem Punkt geändert. Jetzt ist es das Ziel, möglichst keine Flüchtlinge mehr längerfristig auf den Inseln zu behalten, sondern viele aktiv auf das Festland zu schicken in der Hoffnung, dass die Menschen Griechenland dann möglichst schnell ganz den Rücken kehren. Und so ist die Flüchtlingspolitik auch konsequent auf Abschreckung ausgerichtet, denn anerkannte Flüchtlinge müssen innerhalb von spätestens 30 Tagen die Unterkünfte in den Camps verlassen, bekommen parallel dazu aber alle Hilfen gestrichen nach dem Grundsatz, dass jede(r) selbst für sein/ihr Leben verantwortlich ist.
  • Die systematischen Zurückweisungen der ankommenden Flüchtlinge sind in den letzten Monaten weiter verschärft worden. Konzentrierte sich früher die Küstenwache darauf, Boote auf dem Meer aufzubringen und mit teilweise gewagten Manövern in Richtung Türkei abzudrängen, so werden jetzt auch Menschen, die schon die Insel erreicht haben, wieder in die Boote zurückgezwungen und in Richtung Türkei geschleppt. Im Camp ist uns zusätzlich aufgefallen, was uns dann auch von anderen Stellen bestätigt wurde: Die Pushbacks erfolgen unterschiedlich hart je nach Nationalität, denn Neuankömmlinge kommen inzwischen fast nur noch aus afrikanischen Ländern, während das bisher häufigste Herkunftsland Afghanistan bei den neu Ankommenden kaum noch vertreten ist. Das Kalkül dahinter ist leider sehr offensichtlich: Asylanträge von Afghanen werden seit der Machtübernahme der Taliban fast ausnahmslos anerkannt, diese Menschen bleiben also für lange Zeit in Griechenland. Afrikanische Flüchtlinge haben dagegen schlechte Aussichten auf Anerkennung und können so ohne längerfristige Folgen den Asylprozess durchlaufen, um am Ende ganz legal mit gültigem Ablehnungsbescheid abgeschoben zu werden.

Bewohner mit noch nicht entschiedenem Asylverfahren bekommen € 75,- pro Monat. Wer aus besonderen Gründen nicht im Camp wohnt, sondern auswärts lebt, bekommt € 130,- pro Monat, weil diese Menschen keine Mahlzeitenversorgung bekommen und daher einen höheren Alltagsaufwand haben. Wenn ein ablehnender Asylbescheid vorliegt, werden alle finanziellen Unterstützungen gestrichen.

Wer einen positiven Asylbescheid bekommen hat, kann das Lager erst verlassen, wenn ein gültiger Pass vorliegt, was mehrere Wochen dauern kann. Auch anerkannte Asylanten dürfen Griechenland nur für vorübergehende Reisen verlassen, einen Aufenthalts- oder gar Arbeitsanspruch in anderen europäischen Ländern haben sie nicht.

Es gibt in Kara Tepe keine organisierte Hilfe für die Betreuung während des Asylverfahrens. Die Bewerber sind den Behörden gegenüber ganz auf sich gestellt. Wer einen griechischen Rechtsanwalt zur Prozessbegleitung einschalten möchte, muss dies selbst organisieren und bezahlen. Rechtsanwälte berechnen für die Hilfe in der Regel € 1.500,-, ein Betrag, den sich die Asylbewerber nicht leisten können. Letztlich ist nur informelle Hilfe durch NGO´s möglich, die aber keine juristische Vertretung im Asylverfahren anbieten dürfen, sowie durch andere Asylbewerber, die schon mehr Erfahrung mit den Behörden haben und diese in Einzelgesprächen weitergeben.

In die gesundheitliche Versorgung der Geflüchteten sind staatliche Organisationen und mehrere griechische und internationale NGO´s einbezogen. Es finden regelmäßige Treffen der Teamkoordinatoren statt, um organisatorische Fragen der Zusammenarbeit zu besprechen. Jede der beteiligten Organisationen ist für bestimmte Aufgaben zuständig:

  • Primary care wird von Medical Volunteers International täglich von Montag bis Freitag angeboten.
  • Eine Sprechstunde für chronische Erkrankungen ist Aufgabe von Crisis Management Association (CMA), einer griechischen NGO, die eine Brückenfunktion zwischen dem staatlichen griechischen Gesundheitsdienst (EODY = National Public Health Organization) und den internationalen NGO´s einnimmt.
  • Fast täglich wird eine pädiatrische Sprechstunde angeboten, die von einem Kinderarzt der staatlichen Gesundheitsorganisation EODY durchgeführt wird.
  • Ebenfalls unter der Verantwortung von EODY steht die Schwangerenbetreuung im Camp durch Hebammen und die regelmäßige gynäkologische Ambulanz, an die wir relativ kurzfristig Patientinnen überweisen können.
  • Boat Refugee Foundation ist eine niederländische NGO, sie ist Anlaufstelle für Notfälle außerhalb der üblichen Öffnungszeiten der verschiedenen Ambulanzen.
  • Das Rote Kreuz betreut im Camp außerhalb der Ambulanzcontainer medizinische Notfälle.

Für psychisch traumatisierte Menschen gibt es Angebote von mehreren Organisationen: MsF (Ärzte ohne Grenzen) bietet Hilfe für schwer Traumatisierte, die akuter Hilfe bedürfen und möglicherweise auch suizidal sind, auch für Kinder und Jugendliche.

Boat Refugee Foundation (BRF), eine holländische NGO, bietet neben akutmedizinischer Versorgung abends und nachts auch einen psychologischen Notfalldienst an, der ohne Terminvereinbarung aufgesucht werden kann. MVI hat sich seit einiger Zeit mit einem eigenen psychologischen Team auf die Betreuung allein geflohener Männer fokussiert, denn inzwischen gehören diese zu den am meisten benachteiligten Menschen auf der Flucht. Das hat mehrere Gründe:

  • Männer werden von ihren Familien oft allein auf die Flucht geschickt, denn in der wirtschaftlichen Not reicht das Geld nicht zur Bezahlung der Schleuser für eine ganze Familie. Mit dieser Entscheidung verbunden ist der Anspruch der Familie, dass die Männer nach Ankunft in Europa regelmäßig einen Teil ihres Arbeitslohnes nach Hause schicken, um die zurückbleibende Familie ökonomisch zu unterstützen. Gelingt die Flucht nicht und schaffen die Männer es nicht, die an sie gestellten Erwartungen durch die Familie zu erfüllen, ist das mit großen Versagensvorwürfen durch die daheim Gebliebenen verbunden.
  • Alleinstehende Männer werden auf der ganzen Flucht besonders schlecht behandelt, werden in manchen Ländern in Gefängnisse geworfen und dort teilweise über Wochen und Monate täglich gefoltert. Viele NGO´s, die sich in den verschiedenen Ländern um die Integration von Geflüchteten kümmern, haben vor allem Hilfsangebote für Kinder und Mütter sowie auch für Minderjährige und Familien entwickelt, fast keine aber hat den Fokus ihrer Unterstützungsmaßnahmen auf alleinstehende Männer gerichtet.

Ganz aussichtslos ist die Lage für schwer Traumatisierte mit dissoziativen Störungen oder auch Suizidgefährdete, denn eine stationäre Versorgung solcher Patienten ist auf Lesbos gar nicht möglich und die Verlegung in spezialisierte Kliniken auf dem Festland wird von der staatlichen Gesundheitsbehörde abgelehnt, weil man vermeiden will, Anreize zur Nachahmung zu schaffen, denn den Patienten wird unterstellt, sie benutzten ihre Symptome bewusst, um eine Verlegung weg von der Insel aufs Festland zu erzwingen. Und so sehen wir täglich in der ganz normalen Ambulanz für Primary Care solche Menschen, die sich wöchentlich mehrmals verletzen und dann als einzige Behandlung von den Pflegekräften der Ambulanz eine Wundversorgung erhalten, während vor dem Behandlungsraum Polizisten für den Fall Wache stehen, dass die betroffenen Patienten sich im Behandlungsraum erneut Verletzungen zufügen sollten.

Ein derzeit großes Problem ist die zahnärztliche Versorgung im Camp. Es gibt zwar einen Container, in dem Zahnarztsprechstunden angeboten werden können, aber wegen der pandemiebedingten Einschränkungen stehen Freiwillige durch NGO´s immer nur sporadisch zur Verfügung. So haben wir von MVI vorübergehend eine sehr eingeschränkte notfallmäßige Verfahrensweise entwickelt: Wenn Patienten mit Zahnschmerzen mit symptomatischer Schmerzmedikation nicht geholfen werden konnte, wurden sie in zwei Gruppen eingeteilt: solche mit einem akuten Abszess wurden notfallmäßig ins Krankenhaus geschickt, um dort den Abszess zu eröffnen. Für Patienten mit sehr schmerzhafter Karies haben wir in der Sprechstunde einen kurzfristigen Behandlungstermin bei einer griechischen Zahnärztin in der Stadt Mytilini organisiert und die Betroffenen dann mit dem Auto direkt dorthin gefahren. Es gab aber so viele Anwärter für diese Behandlung, dass unsere Warteliste immer wieder wegen Überfüllung kurzfristig geschlossen werden musste, was natürlich für die schmerzgeplagten Patienten viele schlaflose Nächte zu Folge hatte. Im Jahr 2022 hat sich diese Situation ein wenig entspannt.

Unsere Sprechstunden für Primary Care war von Montag bis Freitag von 08:00 bis 14:00 geöffnet. Danach mussten wir unsere Arbeit beenden, auch wenn noch Patienten in der Warteschlange teilweise mehrere Stunden gewartet hatten, denn unsere Räume wurden am Nachmittag für die von der Basisversorgung abgetrennte Sprechstunde für Patienten mit chronischen Erkrankungen benötigt. Diese Sprechstunde für Menschen mit Diabetes, Bluthochdruck, Asthma und Epilepsie sind Aufgabe der o.g. griechischen NGO CMA (Crisis Management Association). Anfangs haben wir samstags und sonntags auch die Notfallsprechstunde von 10:00 bis 17:00 durchgeführt, diese Aufgabe hat in den folgenden Wochen dann eine andere NGO übernommen, sodass wir an den Wochenenden frei hatten.

Draußen im Freien vor den Containern findet die sogenannte Triage statt, hier haben einige unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter alle Patienten in der Warteschlange eingeteilt, ob sie ein Behandlungsticket für die primary care, für die Wundversorgung bei den Pflegekräften, für den Kinderarzt, für die Hebammen/Gynäkologen oder für die Chronikersprechstunde bekommen sollten. Mit jeder der Ambulanzen wurde vorher vereinbart, wie viele „Tickets“ ausgegeben werden durften, um das Problem der erfolglosen Wartezeiten ohne letztendlichen Zugang zur Behandlung so gering wie möglich zu halten.

Gut gelöst ist die für alle Sprechstunden notwendigen Dolmetscherbegleitung – kein einfaches Problem bei so vielen Sprachen, die im Camp gesprochen werden (Farsi, Arabisch, Lingala, Somali, Französisch). Jedem unserer Ärzte ist ein Farsi-Dolmetscher zugeteilt, weil diese Sprache am häufigsten gesprochen wird. Kommt ein Patient mit einer anderen Sprache, wird schon im Wartebereich von den dort zuständigen Koordinatoren sofort ein dazu passender Dolmetscher mitgeschickt und der Farsi-Dolmetscher kann in dieser Zeit für andere Patientenkontakte eingesetzt werden. Die Dolmetscher leben teilweise selbst als Asylbewerber im Camp und können sich durch diese Arbeit bei verschiedenen NGO´s einen kleinen Zusatzverdienst erarbeiten. Wie leicht nachvollziehbar kommt der Arbeit der Übersetzerinnen und Übersetzer für den Verlauf einer Behandlung eine große Bedeutung zu. Die meisten sind natürlich nicht speziell geschult, haben aber eine unschätzbare Fähigkeit, weil sie das Leben im Camp genau kennen und daher über Detailkenntnisse verfügen, die uns immer wieder helfen, trotz aller Sprachbarrieren ein wenig das zu verstehen, was hinter den Beschwerdeschilderungen der Patienten das wirkliche Problem ist. Diese ganz besondere Expertise trägt sehr dazu bei, dass wir unsere Patienten über die sprachliche Vermittlung hinaus verstehen, auch wenn uns das sicherlich in vielen Fällen nicht ausreichend gelungen ist.

Am Ende jeder Diagnostik sollte die geeignete Therapie stehen, das ist die berechtigte Erwartung aller Patienten an jeden von uns Ärzten. Hierfür steht uns die Apotheke zur Verfügung, die von allen Ambulanzen gemeinsam genutzt, zu einem erheblichen Teil aber von MVI finanziert wird. Insbesondere die psychosomatischen Ursachen können wir aufgrund sprachlicher und kultureller Barrieren meistens gar nicht in ihrem ganzen Ausmaß verstehen und haben erst recht keine adäquaten Therapieangebote zur Verfügung. Gleichzeitig haben die Menschen, die uns ihr Leid geschildert haben, eine hohe Erwartung an uns, dass wir als Experten das geeignete „Mittel“ für ihre Krankheit finden. Und so geraten wir täglich viele Male in den nicht lösbaren Konflikt, medikamentös Symptome – insbesondere Schmerzen – zuzudecken in dem Bewusstsein, damit eine wirklich schlechte Medizin zu betreiben, die nicht nachhaltig helfen aber dennoch Nebenwirkungen erzeugen kann.

Fast täglich kamen Menschen in unsere Sprechstunde, die mit den begrenzten Ressourcen im Camp nicht adäquat versorgt werden konnten. Für die Diagnostik gibt es ein kleines Labor, mit dem einfache Untersuchungen wie Blutbild, Entzündungswerte, Leber- und Nierenwerte vor Ort bestimmt werden können, und auch ein kleines Ultraschallgerät in der Größe eines Mobiltelefons steht uns zur Verfügung, aber alle weiterführenden Untersuchungen müssen extern organisiert werden. Dazu bedarf es immer der Genehmigung der staatlichen griechischen Gesundheitsbehörde. Während meines ersten Einsatzes war dies erfreulicherweise keine große Hürde, weil die dafür zuständigen zwei jungen griechischen Ärztinnen ausgesprochen kooperativ und hilfsbereit waren und uns nie einen Stein in den Weg gelegt haben. Dennoch war es besonders mit den angeforderten Röntgenuntersuchungen nicht ohne Tücken: Fast nie wurden die Aufnahmen im üblichen Standard angefertigt, aus mir nicht erfindlichen Gründen wurde immer nur eine Untersuchungsebene dargestellt und schriftliche Befund gab es nie. Da keiner der Einsatzärzte Radiologe war, waren die eigenen Befundungen immer von begrenzter Aussagekraft. Während meines zweiten Einsatzes war die Kooperation mit den uns vorgesetzten griechischen Ärzten dann leider sehr problematisch, denn inzwischen hatte ein griechischer Chirurg die Aufgabe im Camp übernommen, der sogar dringend erforderliche Untersuchungen und Krankenhauseinweisungen untersagte, sodass manche für Patienten höchst riskante Notlage entstand, die wir nicht immer angemessen lösen konnten.

Gut aufgestellt und für die alltäglich auftretenden Verletzungen und offenen Wunden wichtig war die Wundversorgung im eigenen Projekt, weil regelmäßig zwei Krankenpflegekräfte zur Verfügung standen, um an zwei Arbeitsplätzen mehrmals pro Woche die Verbandswechsel durchzuführen. So konnten wir die Heilverläufe und die eingesetzte Therapie engmaschig überwachen – ein wichtiger Standard, weil unter den gegebenen Lebensbedingungen im Camp Verbände schnell verschmutzen und so neue Infektionen auftreten können.

Anonym und insgesamt enttäuschend gestaltete sich die Zusammenarbeit mit dem griechischen Gesundheitssystem, wenn es um die stationäre Behandlung von Schwerkranken ging. Besonders unerfreulich entwickelte sich dies während meines zweiten Einsatzes, weil nun schon die Hürde zur Überweisung der Patienten ins Krankenhaus durch die zuständigen Ärzte im Camp fast unüberwindlich war. Nicht selten wurden die überwiesenen Patienten dann im Krankenhaus gar nicht aufgenommen oder sogar abgewiesen, ohne einen Arzt gesehen zu haben. So habe ich z. B. einen Patienten ins Krankenhaus eingewiesen, der seit 4 Jahren Rückenschmerzen hatte, seit 1,5 Jahren so stark, dass er nicht mehr sitzen konnte. Er wurde immer nur mit Schmerzmitteln behandelt, bis vor 3 Monaten ein MRT der Lendenwirbelsäule angefordert wurde, das dann zwei Monate später im Januar 2021 durchgeführt wurde und einen Bandscheibenvorfall ergab. Einen Monat später schließlich wurde er im Krankenhaus Mytilini ambulant untersucht und die wahrscheinliche Indikation für eine Operation gestellt. Diese Behandlung wurde aber nie durchgeführt, stattdessen blieb es bei gelegentlichen weiteren ambulanten Kontrollen. Zu diesem Zeitpunkt nahm er täglich das 3-fache der medizinisch zulässigen Höchstdosis Diclofenac und 8 Tabletten Paracetamol täglich, um seine Schmerzen irgendwie auszuhalten.

Eine weitere 29-jährige Patientin aus dem Kongo, die vor 2 Jahren in ihrem Heimatland gefoltert wurde und seit dieser Zeit starke Schmerzen im rechten Hüftgelenk hat, wurde immer nur mit Schmerzmitteln behandelt, bis eine Kollegin vor wenigen Wochen eine Röntgen-Untersuchung veranlasste, die einen alten Schenkelhalsbruch mit ausgeprägter Arthrose in dem fehlgestellten Hüftgelenk ergab. Die Beweglichkeit in dem Gelenk war schmerzbedingt fast vollständig aufgehoben. Für eine medizinisch indizierte Überführung der Patientin nach Athen zur weiteren orthopädisch-chirurgischen Behandlung fehlte aber nach den 2021 geltenden Kriterien der Behörden eine wichtige Voraussetzung: die Erkrankung bedrohte nicht das Leben der Patientin, und so wurde die dringend indizierte Operation auf dem Festland gar nicht erwogen.

Der menschenverachtende Umgang mit den kranken Flüchtlingen erreichte seinen Höhepunkt während meines letzten Einsatzes bei einem 36-jährigen Patienten aus Somalia mit einer bedrohlichen Magen-Darmblutung, den unser griechischer Lagerarzt partout nicht zur weiteren Abklärung und Behandlung ins Krankenhaus einweisen wollte. Zusammen mit meinen Kollegen benötigte ich fast drei Wochen, in denen es dem Patienten immer schlechter ging, bis es uns gelang, eine stationäre Einweisung zu veranlassen. Zu diesem Zeitpunkt war der Patient bereits so geschwächt, dass er den kurzen Fußweg vom Parkplatz bis zur Notaufnahme der Klinik nicht mehr ohne Zwischenpausen bewältigen konnte.

Dies alles sind Einzelfälle, in denen ich manchmal an meiner Arbeit verzweifelt bin. Was aber bleibt als Bilanz der vielen anderen Patientenkontakte, die weniger spektakulär verliefen und mehr den Alltag der Probleme darstellen, mit denen die Menschen zu uns kamen und oft mehrere Stunden Wartezeit dafür in Kauf genommen haben? Das wichtigste, was wir anbieten konnten, war, dass wir uns immer die nötige Zeit genommen haben, um zuzuhören, was die Patienten uns sagen wollten. Viel zu selten sind wir dabei an den Kern ihrer Symptome herangekommen, haben evtl. etwas an der Oberfläche gekratzt und dabei auch nicht den Anspruch erhoben, alle Hintergründe aufzudecken, denn wir hätten für den weiteren Umgang mit diesen wirklichen Gründen all der vielen Rückenschmerzen, all der Schlaflosigkeit und all der Bauchschmerzen ja gar kein nachhaltiges Hilfsangebot zur Verfügung gehabt. Am Ende haben wir den sehr vordergründigen Wünschen unserer Patienten entsprochen und Schmerzmittel aller Art verschrieben. Wir hatten dabei immer alle ein schlechtes Gewissen, das kam in den wöchentlichen Teambesprechungen deutlich zum Ausdruck. Auch viele unserer Patienten waren und sind sich ganz offenbar bewusst, dass diese vielen Tabletten ihnen nicht wirklich helfen. Und dennoch: die Kombination aus Zuhören, das sonst im Alltag im Camp so selten ist, und der noch so oberflächlichen symptomatischen Therapie hilft vielen der Geflüchteten, ihren Alltag für eine begrenzte Zeit etwas leichter zu ertragen.

Insofern ist die Arbeit in der Primary Care in Kara Tepe berechtigt, und einigen Patienten haben wir sogar richtig helfen können, weil sie so akut und schwer erkrankt waren, dass wir mit den notwendigen medizinischen Argumenten einige Hürden des griechischen Gesundheitssystems und der Bürokratie haben überwinden und ihnen die erforderliche Behandlung haben ermöglichen können. Aber das waren Einzelfälle, an der Hoffnungslosigkeit der Lebensumstände und Perspektiven dieser Menschen haben wir nichts, aber auch gar nichts geändert.

Das ist die wirklich erschütternde Erkenntnis, die ich am Ende meiner beiden Einsätze mit nach Hause genommen habe: Jede und jeder, die ihr Leben riskiert haben, um hierher nach Europa zu kommen, hat dies auf sich genommen wegen Traumatisierung durch Gewalt, Folter und Vergewaltigung, die sie in ihren Heimatländern und auf der Flucht erlebt haben. Sie sind nach Europa gekommen nicht nur, um hier ein besseres Leben zu finden, sondern weil sie die furchtbaren Erlebnisse ein für allemal hinter sich lassen wollen und auf all das gehofft haben, für das Europa eigentlich steht: Menschenrechte, Freiheit des Denkens und des Glaubens, Chancengleichheit. Wir aber heißen sie entgegen all dieser Werteversprechungen nicht willkommen, sondern dulden eine menschenunwürdige gefängnisähnliche Unterbringung über Monate und Jahre, treiben sie zurück aufs Meer, um alle abzuschrecken, die eventuell folgen könnten.

Nach Angaben des Aegean Boat Report, einer norwegischen NGO, die die Flüchtlingsbewegungen auf dem Mittelmeer systematisch beobachtet und dokumentiert, werden Monat für Monat ca. 75% aller Menschen, die von der Türkei nach Griechenland aufbrechen, von der griechischen Küstenwache mit Unterstützung der europäischen Grenzüberwachung Frontex unter Anwendung von Gewalt zurückgetrieben.

Wir Europäer missachten inzwischen so viele Menschenrechte, dass wir den Kern unseres Selbstverständnisses schon längst verloren haben. Wir sind gerade dabei, an einer der wichtigsten unserer historischen Aufgaben zu scheitern, indem wir die Menschenrechte, deren Schutz so unersetzlich wichtig ist, um eine humane Gesellschaft für die Zukunft zu erhalten, auf eine sehr schäbige Weise verraten, weil wir Angst vor denen haben, die Stimmung machen gegen alles, was anders ist als wir. In den Wochen in Kara Tepe habe ich gelernt, dass wir auf diesem dunklen Weg schon viel weiter sind als ich befürchtet hatte. Die Tatsache, dass wir in den letzten Tagen und Wochen mit einer beeindruckenden Welle der Solidarität uns überall in Europa für die Flüchtlinge aus der Ukraine einsetzen, macht leider auch deutlich, dass wir Menschen je nach Herkunftsland mit zweierlei Maß messen, ohne den Zynismus dieses Verhaltens überhaupt noch zu bemerken.

Wenn wir nicht bei jeder Gelegenheit für die Menschenrechte für alle Menschen in unserem Europa und besonders auch an unseren Außengrenzen offen eintreten, dann haben wir sie bereits verloren. Kein Land darf sich hinter dem Vorwand verstecken, dass leider die anderen an einer menschenwürdigen Lösung nicht mitwirken wollen. Es gibt ca. 250 Städte in Deutschland, die sich als sichere Häfen bereit erklärt haben, sofort zusätzliche Flüchtlinge aufzunehmen. Es ist erbärmlich, dass auch unsere jetzige Bundesregierung immer noch nicht den Mut aufbringt, diese Hilfsbereitschaft endlich zuzulassen.“

12.03.2022, Dr. med. Arndt Dohmen, Arzt im Bereitschaftsdienst im Sigma-Zentrum

 

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*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtsneutrale Differenzierung (z. B. Patientinnen/Patienten) verzichtet. Selbstverständlich sind die Inhalte im Sinne der Gleichbehandlung geschlechtsunabhängig zu verstehen. Die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung.

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