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Zur Psychologie von Jungen und Männern

Von: Dipl.-Psych. Moritz Pohlmann | 29.09.2016

Die gleichnamige Verfilmung des Romans Fight Club von Chuck Palahniuk [1996] löste in den 90er Jahren einen wahren Hype aus. Das Video des Filmes fand reißenden Absatz, in der ganzen Welt kam es zu Fight-Club-Nachstellungen, bei denen Männer zusammenkamen, um miteinander zu kämpfen. Die Geschichte des ohne Vater aufgewachsenen, in der (Konsum-) Welt verlorenen und von seinen nicht gelebten Anteilen schlaflos gehaltenen Protagonisten, der sich durch Ausleben des abgespaltenen aggressiven Elements als Tyler Durden in selbst-organisierten Kämpfen und Männerbünden selbst zu retten versucht, traf bei etlichen Männern offenbar einen Nerv.

Seit den 90er Jahren ist die Situation für Jungen und Männer nicht einfacher geworden. „Die psychoanalytischen und mehr noch die kinderpsychiatrischen Ambulanzen sind zwischen vierzig und siebzig Prozent voll von Jungen im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren, die keine altersangemessenen Affektregulationsmechanismen ausgebildet haben und deren psychische Struktur durch mangelnden väterlichen Über-Ich-Halt gekennzeichnet ist.“ [S.129, Dammasch, 2008]. Jeder achte zehnjährige Junge trägt in Deutschland mittlerweile die Diagnose ADHS. Die schulischen Leistungen der Jungen haben sich verschlechtert, immer mehr verlieren den Anschluss [vgl. Allmendinger, 2009; Dammasch, 2008; Hurrelmann, 2013]. Berichte von Schulen, in denen ein geordneter Unterricht kaum noch möglich ist, häufen sich [vgl. Berliner Morgenpost 29.1.2016; Hopf, 2014b; Spiegel-Online 30.3.2006]. Besonders in den größeren Städten wachsen kulturelle Submilieus von jungen Männern, die in Kriminalität und Gewaltsamkeit entgleiten. In Schwierigkeiten sind nicht nur Jungen und Männer aus prekären sozialen Verhältnissen, sondern auch zunehmend gut qualifizierte Männer. Während weibliche Abiturienten zuversichtlich und selbstbewusst in die Zukunft blicken, zeigen sich die männlichen Absolventen verunsichert [Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2007; Walter, 2007]. Feste Bindungen einzugehen meiden immer mehr von ihnen. Für eine wachsende Zahl von Jungen und Männern, die sich in der real-sozialen Welt unverortet fühlen,  wird der Computer zum letzten Ort, wo sie sich „richtig“ und lebendig fühlen [vgl. Bergmann, 2008; Dammasch, 2008; Hopf, 2014a, 2014b].

Die folgenden Texte widmen sich zentralen Herausforderungen für Jungen und Männern in der heutigen Zeit:

  1. die so häufige Erfahrung von Vaterentbehrung, ihren problematischen Folgen für Jungen und Männer und wie ihnen entgegengesteuert werden kann.
  2. die Aufgabe, wie eigene (abgespaltene) thymotisch-aggressive Anteile besser integriert werden können.
  3. die Frage, wie pädagogische Ansätze und Akzente in Kindertagesstätten und Schulen aussehen könnten, die sich auf die Dispositionen von Jungen einstellen und ihrem zunehmenden schulischen Abdriften entgegenwirken könnten.
  4. Auch werden Bücher über und für Männer in Entwicklungsprozessen vorgestellt.

1. Vaterentbehrung: Wie ihre Folgen für Jungen und Männer verstehen und sie bewältigen helfen?

Immer mehr Jungen wachsen ohne im Alltag gelebten Kontakt zum Vater auf. Durchschnittlich 500 Kinder pro Tag (!) erleben in Deutschland, dass sich ihre Eltern trennen. Mehr als jedes fünfte Kind wächst in sogenannten Ein-Eltern-Familien auf, in denen fast immer  der Vater abwesend ist. In urbanen Zentren und in Ostdeutschland ist der Anteil allein-erzogener Kinder nochmals höher.  Etwa ein Drittel der Kinder verliert nach der Trennung den Kontakt zum Vater ganz [vgl. Franz, 2013, 2011]. Wie können die Entwicklungsschwierigkeiten von Jungen und Männern verstanden werden, die ohne Vater aufwachsen? Wozu brauchen Jungen Väter? Wie kann Untervaterung [vgl. Biddulph, 2003] entgegengesteuert werden? Den Text, der sich diesen Fragen widmet, finden Sie hier.
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2. Die Integration ihrer thymotisch-aggressiven Anteile als Entwicklungsaufgabe von Männern

Nach Platon bildet Thymos neben einem vernunftbezogenen Anteil (Logos) und einem (liebes-) hungrigen Anteil (Eros) den dritten entscheidenden Anteil im menschlichen Seelenleben [vgl. Fukuyama, 1992]. Mit Thymos bezeichnete er einen leidenschaftlich-eifernden, stolz- und zornfähigen Anteil, für den Sloterdijk [2008] auch die Übersetzung „Beherztheit“ vorschlägt. Thymos – von Platon sowohl für den einzelnen als auch die Gemeinschaft für unverzichtbar gehalten -, steht mittlerweile in den modernen westlichen Gesellschaften nicht mehr hoch im Kurs. Immer mehr Männern, denen der gute Kontakt zu Thymos fehlt, fällt es schwer, um etwas zu kämpfen und die eigenen Grenzen und Wertzentren zu schützen. Wenn ihnen ihre abgespaltenen thymotisch-aggressiven Anteile einmal durchgehen, erleben sie sie als etwas Fremdes, das sie nicht gut steuern können. Krisenhafte psychische Entwicklungen haben häufig auch mit diesem versperrten Zugang zu Thymos tun. Die Integration und  [Wieder-] Anfreundung mit Thymos ist dann eine zentrale Aufgabe einer gelingenden Weiter-Entwicklung. Der Text, der sich damit auseinandersetzt, wofür es Thymos braucht, wie er verloren gehen und wieder angeeignet werden kann, ist hier erhältlich.
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3. Wozu Jungen neigen: Anregungen für Kindertagesstätten und Schulen

Die für Deutschland statistisch erwiesene Abhängigkeit des Bildungserfolgs von Schülern vom  Bildungshintergrund ihrer Eltern ist im öffentlichen Bewusstsein fest verankert und seit Jahrzehnten Anlass für unterschiedlichste Bildungsreformen. Ein anderes Merkmal des deutschen Schulsystems findet dagegen immer wieder nur am Rande Erwähnung: der Zusammenhang von Schulerfolg bzw. Schulmisserfolg mit der Geschlechtszugehörigkeit. Der erfreulichen Entwicklung eines tendenziellen Anstiegs des in Noten und Abschlüssen messbaren Leistungsniveaus von Mädchen steht eine entgegengesetzte Entwicklung auf Seiten der Jungen gegenüber: Ihr durchschnittliches Leistungsniveau ist gesunken, der Anteil der Hauptschüler und Schulabbrecher ist doppelt so hoch wie bei den Mädchen, bei einer beträchtlichen Anzahl werden Lern- und Verhaltensstörungen diagnostiziert [vgl. Dammasch, 2008; Hurrelmann, 2011]. Immer mehr Lehrer stoßen bei ihnen an Grenzen und zeigen sich in Untersuchungen belastet wie niemals zuvor [Vitzthum, 2012]. Berichte von Schulen mit einem hohen Anteil von Problemjungen, in denen ein geordneter Unterrichtsbetrieb kaum noch möglich ist, häufen sich [Berliner Morgenpost, 29.1.2016; Hopf, 2014b; Spiegel-Online, 30.3.2006].

Das eigentlich hinlänglich widerlegte, in Deutschland aber immer noch einflussreiche sozialwissenschaftliche Dogma einer reinen Konstruktionen unterschiedlicher motivationaler Präferenzen und Kompetenz-Dispositionen von Jungen und Mädchen dürfte für die zunehmende Hilflosigkeit im Umgang mit Jungen und jungen Männern mit-verantwortlich sein. Dadurch werden PädagogInnen in ihren Schwierigkeiten mit Jungen konzeptuell alleine gelassen und sogar dazu verleitet, sich gegenüber den Neigungen von Jungen zu verschließen.

In anderen Ländern ist man inzwischen weiter. Dort sind pädagogische Ansätze entwickelt und mit Erfolg umgesetzt worden, die auf die unterschiedlichen Dispositionen von Jungen und Mädchen zugeschnitten sind [vgl. Department for children, schools and families 2007; Gurian, 2014, 2010, 2006, 2001, 2000].

Was sind die besonderen Dispositionen von Jungen? Welche Anregungen lassen sich daraus für eine jungenfreundliche Kindertagesstätte und Schule ziehen? Den Text, der sich diesen Fragen widmet, finden Sie hier.
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4. Bücher über und für Männer in Entwicklungsprozessen

Mit den Büchern, die sich der Entwicklung von Frauen widmen, würden sich mittlerweile wohl Bibliotheken füllen lassen. Bücher, die sich wohlwollend der Entwicklung von Männern annehmen, sind im Vergleich dazu immer noch eher rar. Einige werden in diesem Text kurz vorgestellt.
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Literatur
Allmendinger, Jutta (2009). „Die jungen Frauen sind stark.” In der Badischen Zeitung veröffentlicht am 30. November 2009, online: www.badische-zeitung.de/deutschland-1/die-jungen-frauen-sind-stark—23327361.html.

Bergmann,W. (2008). Kleine Jungs – große Not: Wie wir ihnen Halt geben. Weinheim: Beltz.

Berliner Morgenpost (2016). Das ist der Brandbrief der Eltern im Wortlaut. Veröffentlicht am 29.1.2016), online: www.morgenpost.de/bezirke/marzahn-hellersdorf/article206984233/Das-ist-der-Brandbrief-der-Eltern-im-Wortlaut.html

Biddulph, S. (2003). Männer auf der Suche. München: Heyne.

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2007). Sinus Sociovision. 20-jährige Frauen und Männer heute, online: www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/sinus,property=pdf,bereich=,sprache=de,rwb=true.pdf

Dammasch, F. (2008). Die Krise der Jungen. Statistische, sozialpsychologische und psychoanalytische Aspekte. In: F. Dammasch. (Hrsg.): Jungen in der Krise. Frankfurt: DTP.

Department for children, schools and families (2007). Confident, capable and creative: Supporting boys‘ achievements. Guidance for practitioners in the early years foundation stage. Online: www.foundationyears.org.uk/wp content/uploads/2011/10/Confident_Capable_Boys.pdf

Franz, M. (2013). Elterliche Trennung und Scheidung – Folgen und Risiken für die Kinder. In: M. Franz, A. Karger (Hrsg.): Scheiden tut weh. Elterliche Trennung aus Sicht der Väter und Jungen. Göttingen:  Vandenhoeck & Ruprecht.

Franz, M. (2011). Der vaterlose Mann. Die Folgen kriegsbedingter und heutiger Vaterlosigkeit. In: M. Franz, A. Karger (Hrsg.): Neue Männer – muss das sein? Risiken und Perspektiven der heutigen Männerrolle. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Fukuyama, F. (1992). The end of history and the last man. London: Penguin Books.

Gurian, M. (2014). „The wonder of boys.” Interview veröffentlicht in The moon magazine am 2.5.2014, online:  moonmagazine.org/michael-gurian-wonder-boys-2014-05-02/

Gurian, M. (2010). The purpose of boys. San Francisco: Jossey-Bass.

Gurian, M. (2006). The wonder of boys. London: Penguin Group.

Gurian, M. (2001). Boys and girls learn differently. San Francisco: Jossey-Bass.

Gurian, M. (2000). The good son. Shaping the moral development of our boys and young men. New York: Tarcher/Putnam.

Hurrelmann, K. (2011). Leistungsdefizite junger Männer. Was sind die Ursachen und Hintergründe? In: M. Franz, A. Karger (Hrsg.): Neue Männer – muss das sein? Risiken und Perspektiven der heutigen Männerrolle. Göttingen:Vandenhoeck & Ruprecht.

Hopf, H. (2014). „Diagnose Junge – Pathologisierung eines Geschlechts? Jungen im Verhältnis von Familie und Gesellschaft.“ Vortrag gehalten am 3.6.2014, online erhältlich unter: lpk-bw.de/archiv/news2014/pdf/20140623_vortrag_dr-hans-hopf.pdf

Hopf, H. (2008). Die unruhigen Jungen. In: F. Dammasch. (Hrsg.): Jungen in der Krise. Frankfurt: DTP.

Palahniuk, C. (1996). Fight Club. New York: W.W.Norton & Company.

Sloterdijk, P. (2008). Zorn und Zeit. Frankfurt: Suhrkamp Verlag.

Spiegel-Online (30.3.2006). Dokumentiert: Notruf der Rütli-Schule. Online: www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/dokumentiert-notruf-der-ruetli-schule-a-408803.html

Vitzthum, T. (2012). Disziplinlose Schüler überfordern deutsche Lehrer. Veröffentlicht in der WELT am 24.4.2012, online: www.welt.de/politik/deutschland/article106221096/Disziplinlose-Schueler-ueberfordern-deutsche-Lehrer.html

Walter, F. (2007). Das Leiden der jungen Männer. Veröffentlicht im Spiegel am 28.5.2007, online: www.spiegel.de/politik/debatte/demografie-das-leiden-der-jungen-maenner-a-485236.html