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Was ist Angst?

Von: Prof. Dr. Erich W. Burrer | 13.08.2014

Angst ist ein ganz normales Gefühl, das jeder Mensch kennt. Wir möchten an dieser Stelle einen Überblick über die Entstehung der Angst und ihre nützlichen Seiten geben. Wir möchten aber auch zeigen, wann Angst krankhaft wird und sich in einer Angststörung äußert. Wir möchten Behandlungsmethoden vorstellen und erklären, wie man sich in Angst auslösenden Situationen selbst helfen kann.

Krankheitsbild der Angst

Angst ist natürlich, kann sich aber übersteigern

Angst kann in unterschiedlichen Situationen auftreten, etwa vor Prüfungen, in der Dunkelheit oder in bedrohlichen Situationen. Im Alltag kann Angst sehr nützlich sein. Sie verhilft uns zu einer risiko-bewussten Auseinandersetzung mit der Umwelt und gibt uns die körperliche Kraft, um Gefahren zu entkommen oder sie zu bekämpfen. Überschreitet die Angst aber ein natürliches Ausmaß, kann sie zur Krankheit – der Angststörung – werden. Dann lähmt sie die Denk- und Handlungsfähigkeit und kann das positive Lebensgefühl und die Lebensqualität erheblich einschränken.

Angst entsteht in bestimmten Regionen des Gehirns. Es ist unser instinktives Alarmsystem und überlebenswichtig. In bedrohlichen Situationen werden durch Hormone wie Adrenalin oder Serotonin das System der Angstkontrolle, die Vernunft zur Analyse und Bewertung der Situation (z.B. auch in einer Psychotherapie) aktiviert und eine Hab-Acht-Stellung für eine blitzartige Reaktion (Flucht oder Gegenangriff) eingenommen. Wird sie als nicht bedrohlich eingestuft, wird das Alarmsystem sofort heruntergefahren und die Angstgefühle nehmen schnell ab.

Bei Menschen, die unter einer Angststörung leiden, ist das Alarmsystem in andauernder Hab-Acht-Stellung, ohne dass Betroffene sich in bedrohlichen Situationen befinden. Die Ursache liegt wahrscheinlich darin, dass das Gleichgewicht der Systeme, die für Alarm und Entwarnung verantwortlich sind, instabil geworden ist.

Betroffene

Wer ist von Angststörungen betroffen?

Angststörungen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Etwa ein Fünftel aller Menschen leidet irgendwann im Leben einmal darunter. Frauen sind, ohne dass man den genauen Grund dafür kennt, doppelt so häufig betroffen wie Männer. Wenn die Angststörung das erste Mal auftritt, sind viele Betroffene im Alter zwischen 20 und 40 Jahren.(1) Die Entstehung einer Angststörung hängt von verschiedenen Faktoren ab. Ein wichtiger Punkt ist dabei ein ängstlich-überbehütender Erziehungsstil in der Kindheit und eine übertriebene Sorge der Eltern.

Aber auch im Erwachsenenalter können sich Ängste ausbilden oder verstärken, wenn eine eigentlich neutrale Situation durch ein angstbesetztes Erlebnis plötzlich bedrohlich wirkt (z.B. Verlassenheitsangst). Menschen, die beruflich oder privat ständig unter Stress stehen, sind besonders anfällig. Durch Stress erhöht sich die innere Anspannung, sodass eine eigentlich harmlose Situation ausreichen kann, um eine Angstreaktion auszulösen. Diese wir häufig durch Aggressivität (Wutanfälle, Tätlichkeit), irrationale Aktivität (Arbeitswut, übermäßige Sorge um Angehörige, Zwanghaftigkeit) oder scheinbare Gelassenheit (Gelähmtheit) oder Gleichgültigkeit (Depressivität) vordergründig kompensiert. Angst wird aber auch auf andere harmlose Ängste verlagert, wodurch eine Entlastung, im Besonderen ein soziale Akzeptanz erzielt wird. Zu diesen Ängsten gehören die Phobien und die große Gruppe psychosomatischer Störungen (Herzangst, Hypochondrie, irrationale Todesängste). Angststörungen treten in manchen Familien gehäuft auf. Bei Kindern von Betroffenen ist die Wahrscheinlichkeit, daran zu erkranken, überdurchschnittlich hoch.

Symptome

Wie äußert sich die Angst?

Die Symptome der Angst lassen sich in drei Komponenten einteilen:

  • die Reaktionen des Körpers (z.B. Herzrasen, Schwitzen, Atemnot, Zittern),
  • die Reaktionen im Denken und Fühlen (z.B. die Angst vor Kontrollverlust oder Todesangst) und
  • die Reaktionen im Verhalten (z.B. Flucht oder Vermeidung von Angst auslösenden Situationen).

Die drei Komponenten treten nicht immer gleichzeitig auf und sind auch nicht immer gleich ausgeprägt. Bei einer Angststörung treten diese Symptome sehr häufig auf und halten lange an. Meist sind sie den Angst auslösenden Situationen nicht angemessen, sondern übertrieben. Eine über Monate andauernde

  • innere Unruhe,
  • Schlafstörungen,
  • Anspannung oder permanente Sorgen und Befürchtungen wegen alltäglicher Dinge können ebenfalls Symptome einer Angststörung sein.

Meist führen diese Beschwerden soweit, dass Betroffene alle Situationen vermeiden, die möglicherweise Angst auslösen könnten. Im Extremfall verlassen die Betroffenen kaum noch ihre Wohnung und brechen sämtliche sozialen Kontakte ab.

Behandlung

Wie wird Angst behandelt?

Die wirksamste Behandlungsmethode ist eine Psychotherapie, bzw. Verhaltenstherapie oder tiefen-psychologisch begründete Behandlung. Sie können helfen, problematische Denk- und Verhaltens-muster aufzudecken und Sie dabei unterstützen, neue Denkmuster und Verhaltensweisen zu erlernen oder emotional zu erfahren.

In Ergänzung zur Psychotherapie steht eine Vielzahl von Medikamenten (2) zur Behandlung einer Angststörung zur Verfügung. Sie können helfen, die übermäßige Erregung zu dämpfen und die Angstschwelle zu erhöhen. Zu den häufig eingesetzten Medikamenten zählen Substanzen aus der Gruppe der Benzodiazepine, Antidepressiva, Antiepileptika und Anxiolytika. Außerdem werden manchmal Beta-Blocker, Neuroleptika oder pflanzliche Präparate gegeben, deren Wirksamkeit jedoch nicht immer erwiesen ist.

Viele Menschen haben Vorbehalte gegenüber Medikamenten, die bei psychischen Erkrankungen eingesetzt werden. Deshalb sollten Sie wissen, dass moderne „Angstmedikamente“ die Persönlichkeit nicht verändern. Eine Nervenärztin oder ein Nervenarzt kann Sie umfassend über eine medikamentöse Therapie informieren und über mögliche Nebenwirkungen der Medikamente aufklären.

Spezial

Mitwirkung entscheidet

Auch die beste Behandlungsmethode kann nur dann anschlagen, wenn der Patient aktiv mithilft (Prinzip der Selbstorganisation).

Folgende Tipps können helfen, besser mit Ängsten und Sorgen umzugehen (Prinzip der Resilienz):

  • Akzeptieren Sie Ihre Ängste so wie jede andere Erkrankung auch.
  • Vermeiden Sie keine Angstsituationen.
  • Freuen Sie sich darüber, wenn Sie diese Situationen überstanden haben. Jeder noch so kleine Erfolg ist ein großer Schritt in Richtung Gesundheit.
  • Verstärken Sie Ihre Angst nicht noch weiter durch schlimme Fantasievorstellungen.
  • Bleiben Sie in der Realität. Beobachten Sie, was um Sie herum geschieht.
  • Sprechen Sie mit einem vertrauten Menschen, besser einem Nervenarzt oder Psychotherapeuten über Ihre Situation. Oft hilft es, wenn andere Menschen verstehen können, wie es Ihnen geht.
  • Lernen Sie unbedingt ein Entspannungsverfahren, beispielsweise Yoga oder progressive Muskel-Relaxation.

Nachweise:

  1. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Heft 21: Angststörungen. Robert Koch-Institut. Berlin, 2004
  2. Bandelow B et al. Die medikamentöse Behandlung der GAD – Ein Konsensuspapier. Psychopharmak.2007; 14: 136-142