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Steuerung und Fehlsteuerung der Pädagogik

Von: Prof. Dr. Erich W. Burrer | 25.10.2013

Eine kybernetische Betrachtung.

Der Mensch unterliegt, wie wir wissen, Steuerungsmechanismen und insofern ebenso die Pädagogik als lebendige Wissenschaft. In allen Gesellschaften wird gesteuert. Es wird aber nicht wie notwendig auch immer belassen. Dieses Problem haben wir auch in unserer überregulierten Pädagogik, die alles richtig machen will und deshalb manchmal scheitert. Dies möchte ich im Folgenden erläutern.

Ein Kind kommt in die Schule. Danach unterliegt er dem System, das sich selbst nicht unbedingt in Frage stellt, weil kein System dies tut.  In ihm passt sich jeder Pädagoge deshalb nur allzu leicht der Sicht des anderen an, vielleicht nur, um nichts falsch zu machen, vielleicht, weil gute Argumente des Vorgesetzten ihre eigene Suggestivkraft haben. Mit anderen Worten: Es findet nicht immer eine von Regelkreisen geprägte kybernetische, sondern eine von Prinzipien gelenkte Steuerung des Unterrichtes statt. Aus einer vorübergehenden Kontrolle des Pädagogen und seine Schüler wird eine langfristige. Man spricht von einer Übersteuerung [4].

Ähnlich verhält sich auch die übrige Gesellschaft, wenn sie übersteuert, wie dies die Wirtschaft partiell beweist. Ein Mensch steht z.B. unter dem Druck, entlassen zu werden, wenn er den Vorstellungen einer bestimmten Betriebsführung nicht entspricht. Folge ist, dass er in Angst verharrt, nicht kreativ ist und sich nicht entwickelt. Ähnliche Probleme ergeben sich, wenn ein Patient sich der Steuerung durch einen Arzt hingibt und freiwillig auf Eigeninitiative verzichtet.

Dem gegenüber steht die nur geringe Führung eines Schülers und seines Lehrers, bei der es beiden überlassen bleibt, ob der Schüler sich im Unterricht einbringt oder nicht.

Noch problematischer ist schließlich die sog. Untersteuerung [4], bei der alles vom einzelnen Menschen abhängt, d.h. ob er sich sozial bemüht oder nicht. Und es fehlen Adressaten, pädagogisch ausgedrückt Unterrichtsvorgaben. Geradezu pathologisch wird es, wenn ein Schüler sistiert und auf Außenreize gar nicht mehr reagiert.

Der Leser wird jetzt spontan fragen, welche Steuerung eines Menschen und damit auch eines Schülers nun richtig ist. Der Alltag gibt die Antwort: Zuviel Freiräume geben einem Menschen das Gefühl, machen zu können, was er will — auch einem Schüler und seinem Lehrer. Keine Freiheit macht aber "depressiv" (Aggressionen richten sich nach innen) oder "destruktiv"(Aggressionen richten sich nach außen).

Das Maß liegt wie überall in der Mitte. Dies drückt in meinem Beruf zum Beispiel, der Begriff Medizin (übersetzt bedeutet der Begriff "Maß") aus.

Aber die Mitte fehlt in der Pädagogik inzwischen genauso wie in der Medizin. Denn beide wollen, systemimmanent, führen und sei es nur aus dem Grund ihrer Zielsetzung "Fürsorglichkeit".

Die Pädagogik will nicht mehr regulieren, also zur Selbstorganisation und Selbstregulation anregen. Sie verlässt ein fein austarierte und aufwendige System kybernetischer Steuerung (wie dies z.B. Schulen ohne Notengebung erfolgreich installiert haben). Die kybernetische Steuerung braucht nämlich ein permanentes Gleichgewicht der Kräfte eines Regelkreises. Sie will keine lineare Führung, da diese Selbstregulation unterbindet.

Man weiß natürlich, wie oben schon erwähnt, dass die Pädagogik nicht alleine Probleme hat, sich kybernetisch zu regulieren. Genannt werden soll auch die Wirtschaft, die Politik, die Psychiatrie, die Erziehungsvorstellungen des Staates und die vieler Familien.

An Stelle des Austarierens von Selbstorganisation tritt in den meisten Systemen Kontrolle des Menschen und damit auch des Kindes und seiner Erzieher. Kontrolle beruhigt, wenn auch nur vorübergehend, z.B. bis zur Pubertät des Kindes. Dann implodiert oder explodiert aber jedes ausufernde Kontrollsystem, wie uns die vielen Probleme unserer Kinder zeigen. Selten pendelt es sich die Selbstorganisation ein. Meist beginnt die Kontrolle durch die Gesellschaft von vorne. Oft reicht die erzielte Stabilisierung des Schülers durch die Lehrer bis zur Beendigung der Schule. Dann aber kommt es nach kurzer Zeit wieder zu einer Destabilisierung, da die Selbstorganisation im Unterricht nicht gefördert wurde.

Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass immer mehr Jugendliche psychisch erkranken, sie nach Verlust der elterlichen Fürsorge sozial scheitern und Erwachsene bei sozial eskalierender Problematik körperlich erkranken, ja sogar berentet werden müssen.

Ein System kann sich selbst nicht regulieren. Dies kann nur der einzelne Mensch im System wie David Thoreau [5] in seinem Buch "Über die Pflicht zum Ungehorsam...." beschrieb.

Man muss den Menschen, im Besonderen den Schüler und seinen Lehrer eben auch lassen, belassen und nicht davor abhalten, negative Erfahrungen zu sammeln. Denn ohne Lernen aus Erfahrungen geht nichts, weder bei Kindern, noch bei Erwachsenen, damit auch nicht bei Schülern. Das bewies der Neurobiologe und Nobelpreisträger Eric Kandel [1] und Hirnforscher wie Spitzer sehr eindrücklich.

Auf der einen Seite steht in unserer Gesellschaft aber auch die zugegebenerweise auch häufig fehlende Steuerung der Kindes und damit der Schüler, besonders der problematischen Jugendlichen. Es fehlen Bezugspersonen genauso wie Strukturen, an denen er sich reiben können und müssen, anstatt zu flüchten. H.E. Richter beschrieb die sehr eindrucksvoll [3].  Diese Notwendigkeit belegt auch die Hirnforschung. Sie beweist, was viele die Psychoanalytiker schon formulierten:

Der Mensch reift nur durch Beziehung, Auseinandersetzung, seelische Geborgenheit und Kreativität. Er reift nicht durch Pläne, Kontrolle oder materielle Zuwendung. Er reift auch nicht durch übergroße Freiheiten. Jüngster Beweis ist die Finanzkrise 2008, weil bestimmte Banken machen konnten, was sie wollten.

Von dem Geist kybernetischer Selbstorganisation ist wie wir wissen, mancher Arzt, manche Lehrer, mancher Schüler und manches System weit entfernt. Denn sie birgt wie jede Verantwortung Risiken in sich. Und diese möchte unsere sicherheitsbesessene Gesellschaft nicht eingehen. Risiken bedeuten, Fehler zu begehen. Fehler bedeuten juristische Probleme.

Hinzu kommen systemimmanente Bestrebungen. Diese zeichnen sich durch Kontrollbedürfnisse aus, besonders in einer auf Perfektion und Optimierung ausgerichteten Gesellschaft.

Es ist somit für den aufgeschlossenen Erzieher und Pädagogen, für eine offene Gesellschaft [2], wie sie Karl Popper forderte und für einen partiell eigenverantwortlichen Schüler entscheidend, ob sie in gegenseitiger Verantwortung frei oder in totaler Kontrolle des anderen und ihrer selbst geborgen sein wollen.

Von dieser Sicht ist die Pädagogik als System noch weit entfernt, weniger der einzelne Lehrer  selbst. Er wird nur häufig vom System dominiert, genauso wie mancher Arzt von seiner Krankenkasse  und mancher Richter von seinen Gesetzen. Geradezu gefährlich wird der den Erziehern heute auferlegte Zwang, Leistung der Schüler ständig  beweisen zu müssen, damit Optimierung stattfindet. Anders ausgedrückt: Wer nicht ständig evaluiert und bewertet, kann unter Umständen keine Hilfe und Anerkennung erwarten. Was liegt da näher, als zu messen, zu werten, den Schüler und sich selbst zu versachlichen, damit Ergebnisse möglich werden.

Dabei hieße die Lösung eigentlich, Freiräume zu gewähren, die Risiken beinhalten. Aber das geht aus folgenden Gründen nicht, wie ich es überspitzt darstellen will: "Ein Lehrer, der sich trotz Leistungskriterien intuitiv und spontan auf den Schüler einstellt, kommuniziert, anstatt zu dozieren, vielleicht auch manchmal lacht, ist in meiner subjektiven Sicht nach ideal. Er erlebt aber nicht unbedingt Wertschätzung, da er manchmal keine messbare Ergebnisse vorweist. Also darf er nicht intuitiv handeln. Er wird eher in vorauseilenden Gehorsam kontrolliert, weil er sozusagen ausschert. Denn nur kontrollierte Menschen scheinen in einem System verdienterweise tätig sein zu dürfen". Ende der Anekdote. Damit beißt sich die Katze in ihren schönen Schwanz. Oder anders ausgedrückt: "Wer alles reguliert, vermeidet Eigenverantwortung des einzelnen Menschen". Und um diese geht es in einer kybernetischen Pädagogik, wie ich als Systemiker sie verstehen würde und wir sie z.B. in der von mir geleiteten Sigma-Akademie vermitteln.

Von Eigenverantwortung sind wir in unserer Gesellschaft manchmal weit entfernt. Stattdessen ist Perfektion angesagt, Optimierung und eben Kontrolle. Wir laufen deshalb Gefahr, in der Pädagogik einer selbst auferlegten Zielsetzung zu erliegen: den Schüler perfekt unterrichten zu wollen und ihn gleichzeitig vor Unheil zu bewahren. Dies kommt manchmal dem Versuch einer Mutter gleich, die ihrem Kind das Laufen beibringen will, ohne es laufen zu lassen. Es könnte sich vielleicht verletzen. Was stimmt.

Pädagogik und Lebenserfahrung stehen somit heute im Widerspruch zueinander genauso wie Sterilität und ein gesundes Immunsystem. Wir brauchen sicher beide, jeweils zu richtigen Zeit. Die Pädagogik muss in Zukunft sicher wieder Reifung mehr betonen als Perfektion. Dreck macht schließlich immun, nicht Sterilität.

Wir im Sigma Zentrum versuchen aus Gründen der Ergebnisse moderner Hirnforschung deshalb, den kybernetischen Ansatz seit Jahren in der Psychotherapie umzusetzen, ich glaube auch ganz erfolgreich.

In einer kybernetischen Pädagogik wäre der Schüler der Zukunft nach meiner Meinung Klient. Der Pädagoge wird sein Anwalt, der dessen Ressourcen betont und mobilisiert. Defizite werden somit zum Handicap und nicht mehr zum Beweis einer geringeren Wertigkeit.

Literatur

  1. Kandel Eric (2006): Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Geistes. Suhrkamp, Frankfurt am Main, ISBN 3-518-58451-0.
  2. Popper Karl (1945): Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (2 Bände) ISBN 3-16-148068-6 und ISBN 3-16-148069-4
  3. Richter, Horst Eberhard (1976): Flüchten oder Standhalten. 1976. 3. Auflage. Psychosozial-Verlag 2001, ISBN 3-89806-128-0.
  4. Sacher, H. (1978). Regulierungspsychologie. Wien: Maudrich
  5. Spitzer Manfred (2006) Lernen: Gehirnforschung und die Schule des Lebens
  6. Thoreau, David Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat und andere Essays. Diogenes, Zürich 2010, ISBN 3-257-06460-8.