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Psyche und Schmerz

Von: Dr. med. Christiane Wolf, Stephan Bert | 21.05.2014

Fragen aus der Sprechstunde

  • „Mein Leben hat sich durch die starken Schmerzen so sehr verändert. Nichts ist wie vorher.“
  •  „Vor den Nebenwirkungen der Schmerzmedikamente habe ich Bedenken. Gibt es nicht Alternativen?“

Schmerzen sind das Alarmsystem unseres Körpers. Sie zeigen an, dass irgendwo in uns oder mit uns etwas nicht stimmt. In unserer Gesellschaft wird die Äußerung von Schmerzen oft fälschlich als Schwäche interpretiert und unterdrückt. So haben wir verlernt, auf die inneren Zeichen unseres Körpers zu hören. Gleichzeitig existiert kaum eine Empfindung, die einen so unmittelbaren Einfluss auf die seelische Befindlichkeit hat, wie die des Schmerzes.

Jeder Schmerz hat seine Ursache – entweder körperlich oder seelisch. Beides bedingt sich jedoch gegenseitig, d.h. körperliche Schmerzen beeinträchtigen unser Empfinden, seelische Schmerzen – auch unbewusste Vorgänge – äußern sich oft an völlig unerwarteten Stellen unseres Körpers. Deshalb ist der Umgang mit Schmerzen kompliziert, weil im Gespräch darüber Ursachen und Wirkungen oft zu verschwimmen scheinen. Die Schmerztherapie hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr entwickelt. Zusätzlich es gibt es auch sehr wirksame Werkzeuge aus dem psychotherapeutischen Repertoire, die in der Lage sind, auch somatische Schmerzen positiv zu beeinflussen.

Jeder Schmerz zieht Veränderungen auf verschiedenen Ebenen des ganzen Körpers und Erlebens nach sich: Schmerzen bedingen tiefgreifende Veränderungen auf immunologischer, zentralnervöser und vegetativer Ebene, sie haben psychische Auswirkungen und Wechselwirkungen und Effekte auf soziale Faktoren im beruflichen und persönlichen Umfeld. Je nach Art und Intensität des Schmerzes können die Auswirkungen variieren und auch dauerhafte Folgen haben. Wenn dies nicht beachtet wird, kann ein Übergehen oft der Chronifizierung Vorschub leisten.

Wichtig ist die Erkenntnis, dass jeder Schmerz individuell ist und deshalb von uns auch immer eine individuelle und achtsame Behandlung erfährt.

1. Strukturelle/ organische Zusammenhänge:

Bei organisch verursachten Schmerzen ist die Ursache häufig durch eine lokale Testbehandlung dem Beschwerdebild zuzuordnen. Das subjektiv geäußerte Beschwerdebild des Patienten wird mit dem klinischen Befund, den bildgebenden Verfahren und der persönlichen, individuellen Anamnese beurteilt.
Bei allen nicht kausal zufriedenstellend zu behandelnden Schmerzen ist es sinnvoll, über psychotherapeutische Schmerzbewältigungsstrategien zu erlernen und anzuwenden, um die Lebensqualität zu verbessern. Bei schweren Schmerzen ist neben der eigentlichen somatischen Behandlung auch eine psychische Begleitung indiziert.

2. Funktionelle Zusammenhänge:

Diese Schmersymptomatik ist gekennzeichnet durch Schmerzen, Bewegungseinschränkungen durch Muskelverkürzung, Muskelverspannung, Engpasssyndrome (eingeklemmte Nerven), Migräne und allgemein Störungen des vegetativen Nervensystems, einhergehend z.B. mit Bluthochdruck, vermehrtes Schwitzen, Herzrasen, Asthma.

Diese Störungsbilder werden oft ausgelöst durch systemische Faktoren wie Stress, berufliche und private Belastungen. Eine diagnostische Herausforderung stellen die Mischbilder zwischen körperlichen Ursachen (z.B. Gelenkverschleiß) und zusätzlichen funktionellen oder Verhaltensbedingten sowie psychischen Ursachen dar. Oft berichten Patienten bei der Aufnahme, das sie viele Arzttermine ohne befriedigendes Ergebnis hinter sich haben: Unsere klinische Erfahrung zeigt hier, dass eine rein symptombezogene Betrachtungsweise nicht ausreicht.

3. Psychische Zusammenhänge:

Von somatoformen Schmerzstörungen sprechen wir, wenn Schmerzen durch psychische Belastungen ausgelöst werden. Diese Schmerzerkrankungen scheinen oftmals unklar in ihrer Herkunftbesonders wenn diese mit Schmerz gekoppelt waren. Diese Erlebnisse führen zu dauerhaften Veränderungen mit Schwächung des Stressverarbeitungssystems, welches direkten Einfluss auf die Schmerzwahrnehmung und verarbeitung nimmt. Verhalten, Gefühle und Gedanken verändern sich mit und kreisen nur noch um die Schmerzen. Daraus kann eine reaktive Depression (ohne Schmerz gäbe es keine Depression) mit unklaren, oft den Patienten überraschenden Schmerzzuständen entstehen. Bei der Suche von Ursache und Wirkung entsteht dann ein Teufelskreis.

Im sozialen Umfeld verursachen somatoforme Schmerzen, die nicht leicht in ihrer Ursache zuzuordnen sind, oft Unverständnis und werden manchmal gar als „Spinnerei“ oder „Laune“ abgetan. Patienten fühlen sich isoliert und können nur noch mit therapeutischer Hilfe daraus gelöst werden.

Therapeutische Konsequenzen:

Jeder Schmerz muss zunächst strukturell bzw. organisch diagnostisch abgeklärt und diese Befunde dem individuellen Schmerzempfinden des Patienten zugeordnet werden.

Bei Fehlen eines strukturellen Korrelats ist dann eine funktionelle Abklärung zwingend. Es werden die genaueren Schmerzqualitäten, Bewegungseinschränkungen und vegetativen Stigmata untersucht.

Eine begleitende psychologische Abklärung evaluiert auch mit psychometrischen Methoden den psychischen Stellenwert der eigenen Schmerzempfindung. Bei uns werden über einen elektronischen Fragebogen z.B. Chronifikationsstadien, reaktive depressive Störungen mit evaluierten Testverfahren ausgewertet. Sie können auch zur Verlaufskontrolle verwendet werden.

Mit zunehmendem Alter und zunehmender Chronifizierung von Schmerzen wird eine Differenzierung zwischen Ursache und Wirkung der Schmerzen zu einer größeren differentialdiagnostischen Herausforderung, da Verschleiß (Arthrose), Operationen und Narben die Zuordnung des Schmerzgeschehens erschweren. Hier sollte unbedingt interdisziplinär somatisch und psychotherapeutisch vorgegangen werden:

  • Somatische Diagnostik mit Einbezug von Orthopäden, Neurologen, Schmerztherapeuten, Psychosomatikern u.a.
  • Laborkontrollen (z. B. Rheumadiagnostik, Stresshormone)
  • Stresstest (Herzfrequenzvariabilität)
  • psychologische Diagnostik
  • digitale Röntgenbildverstärkung
  • diagnostische Lokalanästhesie
  • psychometrische Testverfahren

Schmerzbehandlungen sind nur erfolgreich, wenn sie sich auf eine unvoreingenommene Ursachenforschung begeben, diese Befunde akzeptieren und dann zielgerichtet therapieren:

  1. Handelt es sich um eine somatoforme Schmerzstörung, fällt die Behandlung zum überwiegenden Anteil in das Fachgebiet der Psychosomatik, also die Untersuchung und Therapie der psychischen Ursache. Hierbei kann ein somatischer Behandlungsansatz begleitend sinnvoll eingesetzt werden.
  2. Bei einem funktionellen Störungsbild mit Schmerzen ist ein interdisziplinärer Therapieansatz führend. Hier bedingt sich seelische Beeinträchtigung zusammen mit dem Schmerz häufig gegenseitig im Sinne eines Circulus vitiosus (Teufelskreis). Dieser kann durchbrochen werden und eine Behandlung ist umso erfolgreicher je mehr sich der Patient auf die Interaktionen zwischen Körperreaktion und seelischer Befindlichkeit einlassen kann.
  3. Bei einem überwiegend strukturell bedingten Schmerzgeschehen, das ursächlich nur eingeschränkt behandelt werden kann, liegt ein Schwerpunkt auf der Entwicklung von Schmerzbewältigungsstrategien (Coping) mit Hilfe psychotherapeutischer Methoden.

Auch die akkumulierten lebensgeschichtlichen psychischen „Wunden und Narben“ bedingen in diesen Fällen einen engen interdisziplinären Austausch. Da ein monokausales Schmerzgeschehen die große Ausnahme ist, kann eine erfolgreiche therapeutische Schmerzintervention nur durch einen interdisziplinären Ansatz von psycho-somatischen bzw. somato-psychischen und systemischen Betrachtungen gewährleistet werden.

  • Entspannungstechniken, Stabilisierung (Affektregulation)
  • Konfliktlösungsansätze,
  • Belastungsangepasstes Bewegungsprogramm
  • Biofeedback, Psychopharmaka
  • Aufarbeitung von Konflikten und Einübung von Verhaltensänderungen,
  • Verbesserung der Konfliktlösungskompetenz mittels verbaler und nonverbaler Psychotherapie,
  • ggf. Traumatherapie (z.B. PITT, EMDR)
  • Akupunktur, therapeutische Lokalanästhesie, Neuraltherapie
  • manuelle Therapie / Chirotherapie
  • Hypnose / Hypnotherapie
  • Kryoneurolysen, Denervierungen, Prolotherapie
  • Galileo Vibrationstraining
  • Craniosacrale Therapie, PNF
  • Kinesiotaping und osteopathische Therapie

Die Autoren:
Frau Dr. med. Christiane Wolf ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und Oberärztin Somatik am Sigma-Zentrum Bad Säckingen,
Herr Stephan Bert ist Facharzt für Allgemeinmedizin, spezielle Schmerztherapie, Sportmedizin, Notfallmedizin,
Manuelle Therapie, Suchtmedizin, ambulantes Operieren, Röntgendiagnostik am Schmerzzentrum Hochrhein

Teufelskreis Somatoformer Schmerz

Autoren:

Dr. med. Christiane Wolf

Dr. med. Christiane Wolf

Oberärztin
Fachärztin für Allgemeinmedizin
Homöopathie


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Stephan Bert