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Klassiker der Psychosomatik, neu gelesen

Von: Dr. Johannes Bauer, Klaus Kammerer | 09.06.2015

Ressourcenaspekt im Werk von Fritz Riemann „Grundformen der Angst“

„Angst gehört unvermeidlich zu unserem Leben… Sie tritt immer dann auf, wenn wir uns in einer Situation befinden, der wir nicht oder noch nicht gewachsen sind. Sie ist einmal Signal und Warnung bei Gefahren und sie enthält gleichzeitig einen Aufforderungscharakter, nämlich den Antrieb, die Angst zu überwinden. So liegt in jeder Angstsituation immer zugleich eine Bedrohung, aber auch eine Chance. Die Chance, einen neuen Entwicklungsschritt zu wagen, indem wir die durch die Angst gesetzte Grenze überschreiten und damit in unserer Weltbewältigung einen neuen Schritt vollziehen.“

Fritz Riemann, Grundformen der Angst.

Wer kennt nicht die Angst vor zu enger Bindung oder die Angst vor dem Verlassenwerden? Warum fühlen sich manche Menschen nur wohl, wenn alles ganz genau geregelt ist – anderen wiederum schnürt das die Luft ab?
In den 1950er-Jahren versuchte der Psychoanalytiker Fritz Riemann, diese Zusammenhänge zu ergründen. In München baute er das „Institut für psychologische Forschung und Psychotherapie“ auf, das bis heute existiert. Seine Gedanken und seine Patientenerfahrungen sammelte Riemann in dem  Buch „Grundformen der Angst“,  das – bei einer Auflage von ca. 1 Million – auch 50 Jahre nach seinem Erscheinen als Grundlektüre in jeder Psychologen- und Psychotherapieausbildung empfohlen wird.

Nach Riemann unterliegt menschliches Leben und dessen Gestaltung vier Grundforderungen, die einander als polare Gegensätze zugeordnet sind und sich so gleichzeitig ergänzen: Wir sollen ein einmaliges Individuum werden, unser Eigensein bejahen und uns gegen anderes Eigensein abgrenzen. Auf der anderen Seite sollen wir uns der Welt, dem Leben und den anderen Menschen vertrauend öffnen und uns auf sie einlassen. Wir sollen Dauer anstreben, Pläne machen, diese nachhaltig und zielstrebig verwirklichen. Andererseits sollen wir uns wandeln, Veränderungen und Entwicklungen durchmachen, Vertrautes und Gewohntes aufgeben.
Das kann nun, je nach Persönlichkeit mit mehr oder weniger Ängsten verbunden sein. Diese hat Riemann in den vier Grundformen folgendermaßen beschrieben:

  • Die Angst vor der Selbstwerdung, als Ichverlust und Abhängigkeit erlebt (die depressiven Persönlichkeiten).
  • Die Angst vor der Selbsthingabe, als Ungeborgenheit und Isolierung erlebt (die schizoiden Persönlichkeiten).
  • Die Angst vor der Wandlung, als Vergänglichkeit und Unsicherheit erlebt (die zwanghaften Persönlichkeiten).
  • Die Angst vor der Notwendigkeit, als Endgültigkeit und Unfreiheit erlebt (die hysterischen Persönlichkeiten).

Die Angst in den beschriebenen Grundformen hat nach Riemann eine wichtige Bedeutung. Sie ist kein „möglichst zu vermeidendes Übel, sondern ein nicht wegzudenkender Faktor unserer Entwicklung“. Im Annehmen der Angst und im Versuch, sie zu überwinden, wachse uns ein neues Können zu.

Riemann betont, dass seine Grundstrukturen nicht gut oder schlecht, sondern alle vier wichtig und nützlich für die verschiedenen Lebensbedürfnisse seien. Störungen könnten in zweierlei Richtungen auftreten: über zu starke Ausprägungen oder Einseitigkeiten. Das Ziel sei eine Ausgewogenheit zwischen den verschiedenen Aspekten. Wer dies realisiert, wird von Fritz Riemann als ein seelisch gesunder Mensch beschrieben. Dieser Ressourcenaspekt wird von dem Psychotherapeuten Christof Thomann 1988 aufgegriffen und soll im Folgenden weiter ausgeführt werden. Riemann selbst benutzte zur Veranschaulichung seiner Grundformen das Gleichnis von den Bewegungen und Kräften der Erde:

  • Die Erde dreht sich um die Sonne. Das Zentrum der Rotation liegt außerhalb der Erde. Dies entspricht nach Thomann der Persönlichkeit mit Nähe Ausrichtung. Sie rotiert im übertragenen Sinne um andere Menschen herum. Menschen mit ausgeprägter Nähe Ausrichtung  zeichnen sich aus durch Hilfsbereitschaft, Sensibilität und emotionale Intelligenz. Sie können selbstlos sein, haben soziale Interessen und können sich leicht mit anderen identifizieren. Im besten Sinne kann diese Persönlichkeit als kontaktfähig, teambereit, ausgleichend, akzeptierend und  verständnisvoll  beschrieben werden.
  • Zum zweiten dreht sich die Erde um die eigene Achse, hat somit das Zentrum der Rotation in sich. Übertragen auf die menschliche Psyche bedeutet dies, dass der betroffene Mensch mit seinen Gedanken und Gefühlen um sich selber kreist  im Sinne einer eigenständigen Persönlichkeit (Distanzausrichtung nach Thomann). Charakterisiert ist dieser Persönlichkeitstyp durch rationales Denken und Handeln, innerer Freiheit und Unabhängigkeit, Autonomie, der Fähigkeit sich abzugrenzen, Selbstbestimmung, Selbstbewahrung, Fantasie, Individualität und einer ausgeprägten Eigenwelt.
  • Die Schwerkraft, das Zentripetale, ist die Kraft, die zur Mitte strebt, also nach innen. Die beständige Ordnungspersönlichkeit  strebt die Dauer an, möchte sich in dieser Welt häuslich niederlassen und die Zukunft planen.
    Die  Ressourcen dieses  Persönlichkeitstyps  liegen in Perfektion und Optimierung, Gewissenhaftigkeit, Verbindlichkeit, Kontinuität, Leistung, Ehrgeiz, Ausdauer, Hartnäckigkeit und Zuverlässigkeit  (Dauerausrichtung nach Thomann).
  • Die Fliehkraft, das Zentrifugale, ist die Kraft, die nach außen strebt. Sie entspricht der unkonventionellen Freiheitspersönlichkeit (Wechselausrichtung nach Thomann)die immer bereit ist, sich zu wandeln, Veränderungen und Entwicklung zu bejahen, Vertrautes aufzugeben. Ressourcen sind Unternehmungsgeist, Spontanität, Einfallsreichtum, Begeisterung, Mut zum Risiko, Abenteuerlust, Lebensbejahung, Großzügigkeit und  Initiativfreudigkeit.

Diese Grundausrichtungen lassen sich in ein Koordinatenkreuz (Riemann -Thomann-Modell) einbinden. Es gibt dabei eine Raum- und eine Zeitachse. Die Zeitachse ist die Senkrechte mit den beiden Extremen Dauer und Wechsel. Die Raumachse ist die Waagrechte  mit den Extremen von Distanz und Nähe. Im Coaching wird dieses Modell mittlerweile als schneller Persönlichkeitstest für Einzelpersonen –  aber auch für Teams genutzt -, dies nicht nur zur Standortbestimmung, sondern auch als Basis für die Kompetenzentwicklung. Jeder Mensch, jedes Team, jedes Unternehmen braucht alle Seiten der beschriebenen vier Persönlichkeitsausrichtungen. Sind sich alle Beteiligten dieser Chance bewusst, wird dies zu einer klassischen Win-Win-Situation:

Vor 50 Jahren schrieb Fritz Riemann sein wichtigstes und bis heute wegweisendes Buch: „Grundformen der Angst“. In der Folge hat dieses Werk zahlreiche Psychotherapeuten und Forscher inspiriert, eigene Modelle zu entwickeln, die auf Riemanns Ideen aufbauen.

Unser kleiner Artikel hatte den Ressourcenaspekt von Riemanns Werk im Fokus. Wer sich eher für die Pathologie der Riemann’schen Grundformen interessiert, sei auf den Originaltext verwiesen.
 

Literatur, Quellen:

  • Riemann, Fritz: Grundformen der Angst, Erstauflage 1961
  • www.karrierebibel.de: Riemann-Thomann-Modell: Teampersönlichkeit ermitteln, Svenja Hofert 25.März 2015
    www.arbeitsblaetter.stangl-taller.at : Fritz Riemanns „Grundformen der Angst“ 2015
  • Sponsel, R. (2001): Die vier Grundstrukturen nach Fritz Riemann‘s Grundformen der Angst. IP-GIPT. Erlangen
  • SWR2 Wissen: Fritz Riemann und die Grundformen der Angst, Reinhard Krol, SWR 2012
  • Grafik nach www.scripter.ch