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Interaktive Medizin

Von: Prof. Dr. Erich W. Burrer | 26.02.2014

In der Internet-Enzyklopädie "Marjorie-Wiki" ist eine ausführliche Darstellung des kybernetischen Prinzips des Penta-Konzeptes von Prof. Erich W. Burrer erschienen. Dieses Konzept wird unter dem Gesamtbegriff der ganzheitlichen Medizin inzwischen in vielen Kliniken praktisch angewendet wird. Vorreiter in der klinischen Umsetzung und der Schaffung von Evidenzbeispielen der umfassenden Wirksamkeit der integrativen Behandlung und Therapie war dabei insbesondere das Sigma-Zentrum Bad Säckingen.
Aus Fachdiskussionen im Rahmen der Sigma-Akademie entstand die Nachfrage, die Konzeption noch 
 hinsichtlich "Psychologie in der Medizin" und der  "Umsetzung in der Klinik" zu ergänzen. Im Folgenden bringen wir daher eine erweitere Fassung der Konzeption der Penta-Medizin.

PENTA-MEDIZIN:

Das kybernetische Prinzip einer interaktiven Medizin

Vorwort

Entsprechend den regelkreisförmigen Zusammenhängen von Natur und Gesellschaft gilt auch für die Medizin das Prinzip der Interaktion. In einer solchen Interaktion beeinflussen sich beim Menschen körperliche, emotionale, mentale, soziale Bereiche und das ökologische (biologische, physikalische) Umfeld gegenseitig und bewirken einen Prozess der Innen-Außenanpassung [H. von Foerster]. Grundsätzlich berühren und steuern sich also Umwelt, Körper und Seele wechselseitig. Die Eigenständigkeit eines Patienten, seine soziale Integration sowie geistig-emotionale Einflüsse auf ihn, müssen von uns deshalb in besonderer Weise berücksichtigt und therapeutisch gesteuert werden (kybernetisches Prinzip).

Durch eine ökologische und soziale Einbindung soll der Patient erleben, dass er nicht allein für sich verantwortlich ist, aber auch nicht ausschließlich die anderen für ihn. Er soll erleben, dass durch das Zusammenwirken von Umwelt, Familie, Partner und Gesellschaft und seiner eigenen Persönlichkeit seine Realität geprägt wird, Konfliktursachen und Krankheiten determiniert werden.

In einer kybernetisch ausgerichteten Therapie werden deshalb Realitätsbewältigung, soziale Kompetenz, emotionale Ausgewogenheit und körperliche Gesundung der Patienten in einem sich ergänzenden (komplementären) Zusammenhang gesehen. Es gelingt durch diese Behandlungsform besonders gut, den Patienten einfühlend und steuernd zu begegnen, ohne medizinische Belange und die individuelle Handlungsfähigkeit der Betroffenen zu vernachlässigen.

Therapie ist als ein Informations-, Beziehungs- und Handlungsprozess zu verstehen. Therapeutische, im kybernetischen Sinne steuernde, Eingriffe und die Eigenständigkeit der Patienten halten sich dabei die Waage.

Kommunikative und verhaltenstherapeutische Verfahren dienen einer ziel-, lösungs- und konfliktorientierten Vorgehensweise. Introspektiv ermöglichen tiefenpsychologisch fundierte bzw. psychoanalytische Verfahren und die Methoden der humanistischen Psychologie einen schnellen Zugang zu den Problemen der betroffenen Menschen.

Während es in einer Behandlung einerseits um das Erleben einer inneren Ordnung geht (somatische Medizin), geht es andererseits um Kreativität (z.B. Kunsttherapie, Musiktherapie, Gestaltungstherapie) und die dadurch bewirkte Selbstregulierung (mehrdimensionale Therapie). Die Wahrnehmung seiner selbst durch Gestaltung, durch geistige Auseinandersetzung und durch Handlung stabilisiert die Patienten, lässt aber auch seelische und zwischenmenschliche Bedürfnisse und Konflikte spürbar werden. Dieser Selbstwahrnehmung dienen zudem Rollenspiele und die gestalttherapeutischen Ansätze der Gruppenführung. Sie fördern einen emotionalen Prozess, ohne unbedingt Probleme im Miteinander (Beziehungskonflikte) direkt ansprechen zu müssen.

Nicht zuletzt sind entspannungs- und körpertherapeutische Verfahren (z.B. Progressive Muskelrelaxation, Biofeedback, Analytische Körperarbeit, Feldenkraismethode, Funktionelle Entspannung, Heilgymnastik, Hypnotherapie) von großer Bedeutung, da sie die Hinführung zum Selbst, losgelöst von unmittelbar geistigen und seelischen Verpflichtungen, unterstützen.

Mit den Mitteln der Beziehungsarbeit, durch Selbstregulierung und durch handlungszentrierte Maßnahmen kann also eine Stabilisierung der Patienten bewirkt werden, während die Gefahren von Überforderung oder andererseits der Manifestierung von Problemen durch fehlendes Einfühlungsvermögen Probleme minimiert werden (interaktive Medizin).

Der kybernetische Ansatz in der Medizin

Medizin ist Interaktion: Leben stellt ökologisch die Wechselbeziehung der Zellen aller Organe untereinander, der Organe miteinander, des Menschen mit der Umwelt und dieser mit dem Kosmos dar. Diese Wechselbeziehungen unterliegen Informationen, die Organismen erst lebensfähig machen und Information wiederum ist nichts anderes als Geist. Somit ist Geist Leben bzw. Körper, bzw. Körper Geist [„Santiago-Modell“ H. Maturana / F. Varela, 1990].

Die somatische Medizin berücksichtigt deshalb Wechselbeziehungen zwischen biologischen, gesellschaftlichen, familiären und interpersonellen Prozessen, physikalischem Umfeld, individuellem Körpergeschehen und seelisch-geistigem Erleben. Das medikamentöse, physikalische und psychotherapeutische Behandlungskonzept der somatischen Medizin kann als eine „kybernetisch-ökologische Ganzheitsmedizin" gesehen werden. Sie trägt dem Organischen, dem Geistigen, dem Seelischen und der Umwelt, einschließlich der sozialen Dimension, Rechnung [vgl. Wirsching, Stierlin u. a. 1989].

Die Erweiterung des klassischen linearen Ursache-Wirkungs-Denkens zu einem regelkreisorientierten, d.h. kybernetisch-zirkulären Systemdenken [G. Bateson „Geist und Natur“ 1975] liegt der oben geschilderten Auffassung wissenschaftshistorisch zugrunde. Tatsächlich reicht das Spektrum der Krankheiten, bei deren Entstehung und Verlauf psychosoziale Einflüsse nachgewiesen wurden, von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen über die Anfälligkeit für Infekte, Unfälle, die großen Massenerkrankungen des Herzens und des Kreislaufs, des Stoffwechsels, der rheumatischen Leiden bis hin zur Großgruppe der Krebserkrankungen.

Der Verlauf dieser Störungen zeigt sich zunehmend durch Sozialleben und Familienbeziehungen der Betroffenen bestimmt. Es stellt sich also die Aufgabe, therapeutische Strategien zu entwickeln, die diesem Sachverhalt Rechnung tragen.

Die fünf Systeme einer kybernetischen Medizin (das „Penta-Modell“)

Bei der Aufgabe, therapeutische Strategien zu entwickeln, ist eine öko-systemische Sichtweise [G. Tansley 1935] hilfreich. Nach G. Weiner [1977] lassen sich dabei vier verschiedene Dimensionen des Individuums sowie die physikalische Umwelt unterscheiden, die jeweils Zugang zum Patienten eröffnen.

Diese insgesamt fünf (penta) Bereiche einer öko-psychosomatischen Medizin ermöglichen einen spezifisch gezielten und regelkreiskonformen therapeutischen Ansatz. Es handelt sich um folgende Systeme:

  1. Das biologisch organismische System:(Körper und biologische Umwelt) - Innere Medizin u. a.
  2. Das emotionale System: (Zentrales Nervensystem mit Affekt) - Neurologie u. a.
  3. Das sozioökologische System: (Sozioökologische Interaktion) - Allgemeinmedizin u. a.
  4. Das geistige System:(Denken, kulturelle Regeln, Tradition, Religion und Weltanschauung) - Psychotherapie u. a.
  5. Das physikalische System:(Anorganische Materie wie Luft, Wasser, Licht, feste Materie in Verbindung mit dem menschlichen Körper) - Physikalische, physiologische Medizin u.a.

Medizin ist Steuerung

Innerhalb dieser fünf Systeme eröffnen sich strategische Ansätze für Therapien. Es ist dabei zu klären, ob durch ein Eingreifen in und Steuern von Interaktionsmustern das jeweilige körperliche oder seelische Krankheitsgeschehen zu beeinflussen ist.

Die Erfahrung zeigt, dass therapeutische Interventionen tatsächlich auch bei relativ geringem Zeitaufwand schon nachhaltig positive Veränderungen im Krankheitsverlauf durch Selbstregulation (Heilung) bewirken können. Damit zeichnet sich eine zunehmende Bedeutung kybernetischen Denkens und Handelns in der gesamten Medizin ab.

Der mehrdimensionale Ansatz einer interaktiven Medizin: Das „Ich“ prägt das Gehirn [Popper u. Eccles 1990], nicht das Gehirn das „Ich“. Das „Ich“ wiederum wird durch Interaktion, d.h. durch die Umwelt gesteuert und auch geprägt. Somit kann auch Selbstregulierung (Heilung) mehrdimensional (somatisch, somato-psychisch, psychosomatisch) therapeutisch gesteuert werden. Aus kybernetischer Sicht sind es fünf sich überlappende Regelkreise bzw. Ansätze, die therapeutischen Einfluss ermöglichen:

1. Nonverbal:
Das Leben wird vom Säugling und Kleinkind vorwiegend emotional durch Berührung, Bewegung und andere Sinnesreize wahrgenommen, weniger intellektuell [Spitzer M. 1996]. Dies sind nonverbale Prägungen. Bei gestörter Entwicklung in dieser Phase zeigen sich später u.U. schwer zu behandelnde somatische (z.B. Immunstörung, [Cohen et al 1991]) oder emotionale Probleme [Blach and Greenough 1991].
Therapien: Z.B. körperliche und medikamentöse Behandlungen [Pösner u. Raichle 1996 S.239; vergl. Goss et al. 2002 Kap. 4, Am 6], Ergotherapie, Körperpsychotherapie.

2. Begegnungsorientiert:
Mit dem körperlichen und emotionalen Kontakt zur Mutter (besonders in den ersten sechs Lebensjahren) und zu anderen Bezugspersonen geht sukzessive die emotionale und kognitive Begegnung des Kindes mit dem sozialen, biologischen und physikalischen Umfeld einher [Ruegg 1998]. Begegnung bestimmt also früh die Entwicklung der Sinne, des Körpererlebens, der Affekte, des Intellektes, des geistigen Bewusstseins, des sozialen Lernens, der Kommunikation, der Beziehungsfähigkeit und des Vertrauens (besonders bei sogenannten „Frühstörungen"). Jede soziale und therapeutische Begegnung in einer Klinik, von dualer Interaktion und Kleingruppe bis hin zur therapeutischen Gemeinschaft, dient deshalb einer bewussten und unbewussten Begegnung. Soziale Auseinandersetzung und emotionale Aktivierung [von Baeyer 1967] durch Begegnung wird dabei von uns durch informativen (Psychoedukation) und therapeutischen Einfluss gezielt gefördert.
Therapien: Z.B. stationäre Behandlungen.

3. Handlungsorientiert:
Wie in der Entwicklung des Menschen die Anfänge von Handeln (z.B. spielen) schon vor der sprachlichen Entwicklung das Leben maßgeblich bestimmen und die Autonomie des Individuums fördern, bestimmen bei uns auch primär Handlungsverfahren die klinische Therapie. Sie erreichen unmittelbar, zum Teil ohne sprachliche Kommunikation, die Psyche [W.W. Jakobs und C. Nadel 1999]. Durch Handlungserfahrung, d.h. „Fehler und Erfolg" [Hollen 1998], Wiederholung und Kreativität werden Verhaltensänderungen und Ich-Stärkung ermöglicht (besonders bei alexithymischen Störungen, Psychosen und Zwängen).
Therapien: Z.B. Verhaltenstherapie [A.T. Beck u. a.], Gestaltungstherapie, Musiktherapie.

4. Bewusstseinsorientiert:
Es ist die den Menschen unter allen Geschöpfen allein auszeichnende Fähigkeit, seine Sinneswahrnehmungen und seine Gefühle nicht nur zu speichern, sondern sie sich auch bewusst zu machen und sie zu differenzieren. Hieraus resultieren Kritikfähigkeit, Urteilsfähigkeit, Reflexionsfähigkeit und geistige Vorstellungen. Auf das Bewusstsein, das sich biologisch erst nach Handlungs- und Gefühlsfähigkeit entwickelt [L. Huxley 1963], zielen alle sprachbasierten Therapien (besonders bei neurotischer Dekompensation und reaktiven Störungen).
Therapien: Z.B. Kommunikations- und. Familientherapie, humanistische und existenzielle Psychotherapie.

5. Beziehungsorientiert:
Die körperliche Entwicklung, Begegnung, Handlung sowie das Bewusstsein, sind beim menschlichen Individuum von bestimmenden Bezugspersonen abhängig [Caldji et al. 1998]. Durch sie wird der Mensch ins Leben und die Welt geführt und sie „entscheiden" indirekt auch später über vieles in seinem Leben. Der Mensch ist im Beziehungsbereich besonders empfindsam, verletzbar, irritierbar, kann Vertrauensdefizite entwickeln und Kompetenz verlieren. Über beziehungsorientierte Behandlungsverfahren können gestörte Entwicklungsprozesse der Patienten schnell reinszeniert, bearbeitet und korrigiert werden können. Im Besonderen wird auch die Mitarbeit, Lernfähigkeit und die Bereitschaft des Patienten, sich behandeln zu lassen, durch die erreichte Stabilität in einer therapeutischen Beziehung gefördert [Eric Kandel 1999].
Therapien: Z.B. Tiefenpsychologisch fundierte oder analytische Psychotherapie.

Die Psychologie in der Medizin:

„Ohne „Du“ kann kein „Ich“ werden“

Geburt und frühe Kindheit (Aus Du wird Ich):
Wenn wir uns das „Du“ im „Ich“ vor Augen führen wollen, ist das Verhältnis auf den ersten Blick nicht leicht verständlich, denn das „Ich“ bin schließlich ich und das „Du“ bist du! Es ist tatsächlich aber doch nicht ganz so einfach zu differenzieren. Ich möchte die Zusammenhänge deshalb hier kurz skizzieren:

Die Grundannahme ist jene, dass das „Ich“ eigentlich ein „halbes Du“ ist, dass das „Du“ ein Stück vom „Ich“ enthält. Wenn wir einen Säugling betrachten, können wir dies nachvollziehen. Das Kind kommt auf die Welt und erlebt die Mutter, die ihm das gibt, was es benötigt, um zu leben: Nahrung, Wärme, Zuneigung und Beachtung. Es entwickelt ja sogar schon im ersten Moment nach seiner Zeugung, im Mutterleib, das „Bedürfnis“, alles vom „Du“ zu bekommen, um sein körperliches „Ich“ zu ermöglichen. Nach der Geburt tut es dies aber auch, um sein seelisches „Ich“ zu entwickeln. Es erhält dann von der Mutter seine Bedürfnisse gestillt. Sie gibt ihm etwas von sich, d.h. ihre Wärme, Nahrung, Zuneigung, Fürsorge; später dann auch Identifikation. Aber auch die Mutter erhält etwas vom Kind: z. B. Affekt, das Empfinden, gebraucht zu werden und damit ihrerseits Struktur bzw. Geborgenheit. So entsteht lebensnotwendig eine Beziehung, die beide zufrieden stellt oder sogar glücklich macht.

Menschliche Entwicklung ist also spätestens von der Wiege an geprägt durch die Interaktion zwischen dem „Ich“ und dem „Du“. Ein Kind kann, wie man heute weiß, ohne eine starke mütterliche Präsenz emotional nicht ausreichend reifen. Es kann zwar anstelle der Mutter durch andere Beziehungen reifen und somit eine andere Mutter anstelle der eigenen annehmen. Wechseln aber die Bezugspersonen zu früh und zu oft, sieht sich das Kind einem differierenden „Du“ gegenüber und entwickelt ein labiles „Ich“. Die betreffende Person trägt dann später gewissermaßen verschiedene Menschen in sich (jedenfalls eine differierende Resonanz dieser Menschen auf sich) und damit eine differierende Wahrnehmung seines eigenen „Ich“.

Kindheit (Ich und Du):
Um ein ausreichendes „Ich“ zu entwickeln, bedarf es deshalb nicht nur der körperlichen Beziehung zu und der Interaktion mit einem wichtigen Menschen, sondern es bedarf auch der Kontinuität in der Beziehung zu diesem. Erst damit ist sichergestellt, dass das Kind eine stabile Spiegelung seiner selbst erfährt. Diese ist in einem überschaubaren, vielleicht auch etwas „langweiligen“ Umfeld eher sichergestellt als in einem nicht überschaubaren, vielleicht „spannenden“ Umfeld, das durch den Wechsel der Bezugspersonen oder Wechsel der Aufenthaltsorte gekennzeichnet ist.

Die Erfahrungsprozesse zwischen Eltern und Kind laufen meist intuitiv, ohne große Überlegung ab. Die meisten Menschen wissen einfach, was ihnen und den anderen gut tut. Auch die Erwachsenen wissen dies voneinander. Sie wissen, dass der andere Mensch für sie von Bedeutung ist, wenn sie bei ihm Geborgenheit und damit Struktur erleben wollen.

Dies ist der Grund, warum wir Menschen uns um Übereinstimmung bemühen und warum wir lieben: Wir suchen im anderen uns. Wir sehen und erleben uns in vielen wichtigen Bereichen im anderen widergespiegelt.

Kindheit und Adoleszenz (Das Ich verinnerlicht das Du):
In jeder menschlichen Beziehung wiederholen sich die Bedürfnisse, sich zu spiegeln und selbst zu finden. Wenn wir uns im anderen erkennen, fühlen wir uns geborgen, zu Hause. Wenn der andere uns nicht versteht, fühlen wir uns fremd oder verlassen, wie wenn wir uns nicht geliebt fühlen.

Vereinfacht kann man daraus schließen, dass ein einzelner Mensch nicht reifen kann, wenn er nicht im Dialog zu einem anderen steht, den er verinnerlicht und von dem er sich verstanden fühlt. Der Mensch braucht auf der körperlichen Ebene das „Du“, das Gegenüber, um sein „Ich“ zu entwickeln, unabhängig von seiner Intelligenz. Intelligenz kann unter Umständen sogar eine Versuchung darstellen, sich dem Dialog mit Menschen zu entziehen. Das ist dann der Versuch, ein intellektuelles „Du“ an die Stelle einer realen Person zu stellen. Es ist der Versuch, über den Verstand etwas zu bewältigen, das nur die Beziehung kann.

Während für Erwachsene die Beantwortung dieser Frage häufig schwierig erscheint, ist sie für einen jungen Menschen eindeutig. Er braucht den anderen, wenn er traurig ist, er braucht den anderen, um seine Fröhlichkeit mitzuteilen. Er braucht den anderen, um am Leben Freude zu haben. Übergangsobjekte, wie ein Teddybär oder eine Puppe, sind für ein Kind Teil dieser Interaktion. Sie sind aber nie der Ersatz für einen anderen Menschen. Einen solchen gefunden zu haben, glaubt häufig der Erwachsene, der versucht, sich z. B. mit Büchern, Beruf oder Hobbys beziehungsartige Strukturen zu schaffen. Oft klappt es dabei glücklicherweise sogar, über derartige Aktivitäten, Kontakte zu Menschen herzustellen, vollwertige Beziehungen zu entwickeln (womit dann wiederum der Mensch und nicht das Objekt im Mittelpunkt des Lebens steht).

Viele Kontakte über Arbeit oder Hobby können aber auch den Versuch widerspiegeln, sich einer tieferen Beziehung zu entziehen, um Abhängigkeit und Verletzbarkeit zu vermeiden. Dies gelingt aber meistens schlecht, weil das Vermeiden von Abhängigkeit auch mit dem Verlust an Geborgenheit einhergeht. Ein Mensch braucht eben den anderen Menschen als Bezugsperson, egal ob als Einzelwesen oder als Gruppe, um geistig, seelisch und körperlich zu reifen.

Lernen aus Erfahrung (Das Ich und die Erfahrung):
Auch das Lernen aus Erfahrungen ist damit gekoppelt, dass man es durch und mit Menschen tut, die Erfahrung und Verhalten würdigen. Die Erfahrungen des Kindes, das sich verletzt und erlebt, wie die Mutter oder der Vater es zunächst liebevoll versorgen und trösten, dann anweisen, sich nicht wieder in Gefahr zu begeben, sind Beispiele hierfür.

Nicht immer ist Erfahrung angenehm, da sie mit einer sozialen Bewertung durch das Umfeld einhergeht. Deshalb wollen sich viele Menschen nicht mit den damit einhergehenden Problemen auseinandersetzen. Sie versuchen, Erfahrungen entweder unreflektiert zu sammeln oder über Medien, Bücher oder Sachgespräche zu „erlernen“. Wir alle kennen diese Versuche selbst, weil sie als Vorbereitung oder als Begleitung meistens zum Erfahrungssammeln des Menschen gehören. „Wissen“ und „Machen“ ändert aber nichts daran, dass man Erfahrungen durch andere Menschen reflektieren muss. 

Sich erfahren durch Reflexion (Das Ich und die Reflexion):
Der andere ist es, mit dem wir lernen, Erfahrungen zu machen. Er spiegelt sie uns und reflektiert sie mit uns. Es ist zunächst die Familie, später sind es die Freunde, dann das weitere soziale Umfeld. Der Mensch braucht ein soziales Umfeld wie Nahrung. Er braucht es auch, um sich selbst aus einem anderen Blickwinkel zu erleben. Auch braucht er ein differierendes Umfeld, um in ihm seinen eigenen Weg zu finden. Es ist nicht einfach, Erfahrungen zu sammeln und das Erfahrene zu reflektieren, ohne sich irritiert zu fühlen, denn Erfahrungen tun auch weh. Deshalb sind Eltern oder andere Bezugspersonen wichtig, die liebevoll reflektieren, ohne zu beschämen.

Der Schritt in die Fremde (Das Ich und die Verantwortung):
Es ist sehr schwer, alle notwendigen Erfahrungen im häuslichen Umfeld zu machen. Es ist schwer, weil die Nähe zu Angehörigen oder Bekannten zu groß ist. Es fällt auch schwer, weil manchmal gerade die Wertung, die von diesen Menschen kommt, sehr schmerzvoll sein kann. Es fällt aber vor allen Dingen deshalb schwer, weil Menschen des Umfeldes, das einem vertraut ist, nicht objektiv, sondern subjektiv spiegeln.

Anders ausgedrückt heißt dies, dass Mitmenschen, die unser „Ich“ reflektieren und uns vertraut sind, nicht das spiegeln, was wir sind, sondern das, was sie in uns hineinprojizieren. Die Mutter erlebt, wenn sie jahrelang mit dem Sohn oder der Tochter zusammen ist, nicht das, was objektiv geschieht, sondern das, was sie subjektiv wahrnimmt. Das führt u. U. auch dazu, dass Kinder sich mit ihren Eltern in der Pubertät nicht mehr verstehen. Sie erleben sich bei ihnen nicht mehr selbst, sondern als etwas, was ihnen fremd ist oder als etwas, das sie daran hindert, ein „Ich“ zu entwickeln.

Menschen suchen also ein fremdes Umfeld, in dem sie ein „Du“ finden, das sie ihr „Ich“ neu erleben lässt. Dies kann nicht an einem einzigen Ort, bei einem einzigen Menschen gelingen, sondern eben nur in Beziehungen zu verschiedenen einzelnen Menschen oder Gruppen, nur in neuartigen Zusammenhängen, an neuen Orten. Wir brauchen also nicht nur einen einzigen Menschen, der uns sehr nahe ist, sondern mehrere Menschen, die uns die Möglichkeit geben, Verantwortung für unser „Ich“ zu übernehmen.

Realitätsprüfung (Das „Ich“ im Spiegel der Wirklichkeit):
Alleine können wir uns nicht ausreichend reflektieren. Wir können ein Tagebuch schreiben, wir können beten, wir können Musik hören, wir können meditieren. All dies hilft bei der Wahrnehmung seiner selbst. Es hilft aber nur sehr eingeschränkt. Erfahrung bedeutet vor allem, sie aktiv zu machen. Nur so werden Nervenzellen vernetzt und Erfahrung dann plastisch im Gehirn verankert [Caldji et al, 1998 / Eric Kandel, 1992].

Das „Ich“ kann sich nur entwickeln, wenn wir bewusst oder unbewusst Menschen suchen, die uns darin fördern, Wirklichkeit zu erleben, die sich dann wiederum in uns manifestiert, verinnerlicht. Wer diesen Prozess vernachlässigt, verliert einen realistischen Bezug zu sich selbst.

Es gibt keine Gesetzmäßigkeit, wie man den Bezug zu sich und zur Wirklichkeit verliert. Es gibt aber die Beobachtung, dass Menschen, die den sozialen Kontakt verlieren, zuerst in den Dialog mit sich selbst gehen, sich selbst Fragen stellen, auf die sie selbst Antworten finden und schließlich, in Ermangelung von Bezugspersonen, Antworten anderen unterstellen, die diese tatsächlich nicht geben. Diese Menschen fragen dann nicht mehr, ob ihre Wahrnehmung auch mit der Realität, d.h. mit der Meinung des anderen übereinstimmt. Selbst wenn die Antwort stimmen würde, ist es nicht die gesprochene, sondern eine fiktive Antwort. Vergleichbar wäre dies mit der Vorstellung, dass eine verbal formulierte Berührung des Gesprächspartners am Telefon eine reale Berührung sei.

Gefühle und Kontrolle (Das Ich, die Nähe und die Distanz zum anderen):
Wie findet man aus Störungen des Selbstbezuges heraus, wenn man sich isoliert fühlt? Man sucht Menschen, die vertrauenswürdig sind und die dabei nicht eine Nähe einfordern, die einen daran hindert, bei sich selbst zu bleiben. Man sucht also so viel Nähe, wie man braucht, so viel Distanz, wie einem gut tut.

Es ist ein dynamischer Prozess von Nähe und Distanz. Es ist ein Prozess von Wiederholung, der Struktur benötigt, Vertrauen und Antworten. Wer glaubt, dass er sich findet, indem er sich z.B. verliebt und viel Nähe zulässt, bekommt Probleme. Er bekommt diese spätestens dann, wenn er nicht wieder zu sich zurückfindet, weil er keine Distanz zum anderen aufbauen kann, weil er sich im anderen verliert. In diesem Sinne zu verstehen ist der Satz: „Liebe macht blind“. Sehr starke Gefühle für einen Menschen können einen daran hindern, sich selbst nahe zu sein.

Man braucht auch bei noch so positiven Gefühlen für den anderen deshalb die Kontrolle seiner selbst. Man braucht Distanz, um den anderen Menschen als „Du“ und nicht als „Ich“ wahrzunehmen.

Selbstfindung oder das Verhältnis zwischen „Ich“ und „Du“ sind kontinuierliche Prozesse, die mit Nähe und Distanz verknüpft sind. Damit verknüpft sind auch Affekte wie Freude, Aggression, Zuneigung und Ablehnung. Diese Prozesse werden im zentralen Nervensystem gespeichert.

Unkontrollierte Affekte (Stress) stören die stabile Vernetzung und Bahnung von Verhaltensstrukturen. Die Abwehr von Stress ist der Grund, warum z.B. Jugendliche zunächst keine intensive Beziehung zu einem fremden Menschen eingehen. Stattdessen suchen sie Menschen, die mit ihnen oberflächliche Freundschaften beginnen oder innige Freundschaften, die nicht sexueller Natur sind. Sie wissen unbewusst um die Gefahr, wenn zu viele Gefühle das „Ich“ überfordern.

Reifung durch Loslassen (Die Reifung des Ichs):
Reifung ist nicht nur für Jugendliche, sondern für jeden Menschen ein körperlicher und psychischer Prozess, der sehr anstrengend ist und der enorm viel Disziplin oder Struktur abverlangt. Er ist deshalb anstrengend, weil die Suche vom „Ich“ im „Du“ immer Stückwerk bleibt. Ein paradoxer Satz verdeutlicht diese Schwierigkeit: „Ich suche mich in Dir und finde mich nicht; das macht mich einsam und deshalb sehne ich mich nach Dir, um mich in Dir zu finden.“

Anders ausgedrückt: Man sucht den anderen in sich und erlebt, dass der andere nicht so ist wie man selbst. Insofern kann man machen, was man will, man nimmt, wenn man sich im anderen gespiegelt fühlt, wahr, dass der andere einem auch fremd ist. Man muss somit loslassen und seine eigene Persönlichkeit entwickeln.

Selbstständigkeit (Die Autonomie des Ichs):
Ich möchte mit der kleinen Geschichte vom „Ich“ und „Du“ schließen, die die Beziehung wunderbar beschreibt: „Das kleine „Ich“ sucht als Fabelwesen sein Gegenstück. Es findet es aber nie. Alle Geschöpfe sind anders. Am Ende aber findet es sich, weil es nämlich feststellt: „Ich bin Ich“. Oder: „Ich bin ich, weil ich anders bin als Du. Und weil ich anders bin als Du habe ich ein „Ich“. Und weil ich ein „Ich“ habe, kann ich dich lieben.“

Interaktive Therapien

1. Öko-somato-psychotherapeutische Behandlungen:
Sie betonen die körperliche Genesung, fördern eine Ich-Stärkung und damit das seelische Gleichgewicht im Verhältnis zum biologischen und physikalischen Umfeld („mens sana in corpore sano“).

a) Klassisch somatische Medizin: z.B. Diagnostik, allopathisch allgemeine Medikation und Psychopharmako-Therapie, Nährstoffzufuhr, Schmerztherapie, medizinische Beratung.

b) Ganzheitliche somatische Therapieansätze: z.B. Naturheilkunde, Schlaftherapie, Lichttherapie, Farbtherapie, Genusstherapie, Atemtherapie (Feed-back), Ernährungsmedizin.

c) Physikalische Therapien: z.B. Massage, Gymnastik, Bewegungstherapie, Lauftherapie, Rückenschule, Feldenkraismethode, Sport, orthopädische Medikation.

d) Nonverbale Therapieansätze: Kunsttherapie, Ergotherapie, Psychotherapeutische Körpertherapie.

2. Psycho-sozio-therapeutische Behandlungen:
Sie betonen die geistige und emotionale Selbstfindung und die kognitiv-soziale Kompetenz. Es lassen sich derzeit vier bekannte Therapierichtungen unterscheiden, die viele sich berührende und überlappende Bereiche aufweisen. Sie werden von uns deshalb zirkulär integriert.

a) Systemische Verfahren, erkenntnis- und kommunikativ geprägt (milieutherapeutische und psychoedukative Behandlungsansätze): Sie bezwecken therapeutisch vor allem die informative Kommunikation, soziale Integration und emotionale Ausgewogenheit (z.B. Ärztliches Gespräch, Paar- und Familientherapie, Soziotherapie, Sozialtherapie, Vorträge, themenzentrierte Gruppen).

b) Verhaltensmedizinische Behandlungen, erkenntnisgeprägt-konditionierende Verfahren: Sie sehen eine Anpassung an soziale, individuelle und körperliche Notwendigkeiten an erster Stelle (z.B. kognitive Verhaltenstherapie, Entspannungstherapien).

c) Beziehungsorientierte Verfahren, Psychodynamische Therapien: Sie betonen den emotionalen Beziehungsaspekt, die Ich-Stärkung und Selbstfindung (z.B. tiefenpsychologisch fundierte, analytische oder Körperpsychotherapie).

d) Existenzielle Psychotherapien, bewusstseins- und sinngeprägte Verfahren: Neben der körperlichen und der seelischen Dimension gibt es eine dritte Dimension [Karl Popper]. C. G. Jung spricht von einer transpersonalen Ebene, Victor Frankl von einem „Oberbewusstsein" im Gegensatz zum „Unbewussten“ und zum Unterbewusstsein". Nach Popper ist Erkennen und Denken immer von Annahmen geprägt, die sich auch im Glauben eines Menschen, in seinen Überzeugungen, Strukturen, Regeln, Gebräuchen,, Gesetzen und Ritualen wieder finden. In unserer Behandlung ist es die existenzielle Psychotherapie, die den Menschen in seinem transpersonalen und personalen Erleben betrachtet.

3. Supportive Therapien:
Entsprechend dem dialogischen Prinzip der Natur ist auch der Mensch ein dialogisches Wesen. Er lernt durch Dialog. Im Dialog reguliert er sich und sein Umfeld. Ebenso reguliert das Umfeld aber auch ihn. Soziale oder Körpererfahrungen sind somit Teil des therapeutischen Prozesses. Sie werden wie folgt gesteuert: Durch Vorträge, Ergotherapie, Tonen, Milieutherapie, Selbstregulationsübungen, Konzentrationstraining, Spieltherapie, Sport.

Die Möglichkeiten einer Klinik

Medizin ist Prozess:
Wenn jemand eine stationäre Behandlung beginnt, ist es hilfreich, in kurzen Worten zu erklären, worum es in der Therapie geht. Es geht darum, dass der Leidende medizinisch behandelt wird und trotzdem in der Lage ist, psychotherapeutisch an sich selbst zu arbeiten. Dies bedeutet, dass der stationäre Aufenthalt nicht nur, wie normalerweise, darin besteht, dass der Patient untersucht wird, behandelt wird und Medikamente erhält.

Es wird vor allem versucht, einen Prozess in Gang zu setzen, bei dem der Patient auch mit ärztlich „steuernder“ Hilfe lernt, gesundheitliche Probleme als Chancen zum Neubeginn zu begreifen. Wir als Therapeuten haben die Aufgabe, den Patienten in seinem Heilungsprozess zu begleiten, darauf zu achten, dass er gefordert wird, dass er sich aber nicht selbst überfordert.

Die Symptome (körperlicher oder seelischer Art):
Der Patient kommt mit Konfliktbelastungen und Symptomen in die Behandlung, die einer akuten Therapie bedürfen. Diese sind Folgen einer Erkrankung, die somatisch oder psychopathologisch diagnostiziert werden muss. Die Erkrankung ist als Ausdruck und Signal nicht rechtzeitig wahr- oder ernstgenommener körperlicher oder seelischer Probleme zu begreifen.

Die Ursachen (Diagnostik):
Wenn eine Therapie angemessen durchgeführt werden soll, bedeutet dies weit mehr als eine Behandlung von Symptomen. Eine reine Symptombehandlung, eine Vernachlässigung der Ursachen, führt nicht zu einem wirklichen Erfolg. Jeder, der leidet, verfolgt aber eigentlich nur ein Ziel, nämlich sein Leiden so schnell wie möglich „los zu werden“. Insofern wird der Patient, der uns gegenüber steht, zunächst Schwierigkeiten haben, zu akzeptieren, dass wir körperliche Untersuchungen machen oder Gespräche führen, die mit seiner Symptomatik anscheinend nichts zu tun haben. Er wird unter Umständen den Eindruck gewinnen, dass es um belanglose Dinge geht. Denn erst im Laufe der Zeit kann er tatsächlich spüren, dass Untersuchungen und Gespräche auch mit seinen Symptomen in Zusammenhang stehen. Er wird beispielsweise wahrnehmen, dass sich aufgrund einer Gruppensitzung seine Kopfschmerzen verstärken, dass z.B. sein Blutdruck bei der Arbeit ansteigt, dass sein hoher Lipidspiegel unter Umständen in Zusammenhang mit Stress steht. Er erlebt, dass seine Symptome in Zusammenhang mit Konflikten oder Ängsten stehen. Deren Dramatik kann nun in der stationären Behandlung durch Dialog abgebaut werden. So erlebt der Patient, dass Heilung auch durch reflektierte Beziehung zu Ursachen beginnt.

Der Konflikt (Die Auseinandersetzung mit der Krankheit - Realitätsarbeit):
Natürlich entsteht ein Konflikt, wenn zur Krankheit als solcher auch noch die Aufgabe des Kranken hinzukommt, sie zu verstehen. Er fühlt sich „überfordert“. Auf der einen Seite fürchtet er seine gesundheitlichen Probleme oder Ängste, auf der anderen Seite muss er sich mit ihnen auseinandersetzen. Es findet eine Parallele zum Leben statt, indem er vielleicht mit dem Schicksal hadert, ohne sich mit ihm auseinandersetzen zu können.

Der nächste Schritt in der therapeutischen Entwicklung wäre der, dass der Patient erkennen kann, dass er in vielen Bereichen die Auseinandersetzungen mit sich selbst führt. Er entdeckt Probleme in sich, die ihn oft daran hindern, das zu tun, was er im Grunde genommen für richtig hält. In diesem Moment ist der Therapeut nicht mehr, wie anfangs häufig subjektiv erlebt, ein „Gegner“. Der Arzt ist nun sein Verbündeter auf dem Weg zur Gesundung.

Die mehrdimensionale Interaktion (Beziehung und Krankheit):
Die Beziehungen zu Menschen in einem therapeutischen Umfeld bringen natürlich immer wieder Probleme zum Ausdruck, die der Patient auch in seinem Alltagsleben hat. Im Unterschied zu seinem heimatlichen Umfeld hat er aber im klinischen Rahmen die nötige Distanz. Der Patient kann sich selbst in der stationären Interaktion anders, neu erleben und seine Probleme besser differenzieren.

Er erlebt sich selbst durch Interaktion körperlich und seelisch, ohne - wie zu Hause - hilflos zu sein. Er kann stationär nun feststellen, dass Probleme und Symptome, die er durch sein Umfeld verursacht sah, im Grunde von ihm selbst initiiert sind (70% aller Erkrankungen werden durch falsche Lebensweise und Stress hervorgerufen).

Die Entspannung ("Katharsis"):
Wenn ein Patient seine gesundheitlichen Probleme in dieser Situation durch Diagnostik, ärztliche Hilfe, mit oder ohne Medikation, versteht und akzeptieren kann, so bewirkt dies eine Entspannung (Aha-Effekt, Katharsis). Er kann selbst beobachten, dass Symptome sich verringern. Er kann sich wieder selbst ernst nehmen und erlebt auf der anderen Seite, dass er von anderen in seinen Sorgen respektiert wird. Realität wird möglich.

Die Änderung (Therapie):
Der Patient kann im Schutz des Krankenhauses erleben, wie Menschen mit Hilfe anderer lernen, dass sie in ihrer Persönlichkeit respektiert und angenommen werden, so wie sie sind und nicht wie sie „sein sollten". Sicher wird dann auch manche Illusion der Wirklichkeit Platz machen. Diese Wirklichkeit gibt aber Geborgenheit, weil sie Grenzen, Orientierung und die Möglichkeit zur Entfaltung und Gesundheit gibt.

So kann der Patient mit Hilfe eines stationären Aufenthaltes gesundheitliche Schwierigkeiten akzeptieren und ordnend, ja sogar steuernd auf sie einwirken. Es wird häufig noch weh tun, die Grenzen des Körpers und der Seele anzunehmen. Indem man aber erkennt, dass Krankheiten zum Leben gehören, auch bei anderen Menschen, wird Therapie zu einem verstehenden und annehmenden Prozess, der Steuerung stattfinden lässt. Änderung wird möglich.

Das Ergebnis (Homöostase):
Das Symptom ist der Versuch des Körpers und der Seele, auf Störungen von Gleichgewichten hinzuweisen. Ein wieder gefundenes Gleichgewicht („Homöostase“) führt zur Heilung, zur Lebensbewältigung. Die Voraussetzung, Leben, Krankheit und Heilung als Prozess zu sehen, ist gegeben. Gesundheit wird möglich.