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Die Sigma-Männer-Gruppentherapie

Von: Dipl.-Psych. Moritz Pohlmann | 26.05.2016

Therapiebedarf speziell für Männer?

Das Bild des Mannes war in der Vergangenheit meist einseitig geprägt durch Vorstellungen von Kraft, Durchhaltevermögen, Macht, Führung, Entscheidungsstärke und damit unmittelbar verbunden mit der Forderung, nie weich werden zu dürfen. Zweifellos ist dies ein Klischee, das aber in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, im Beruf oder auch in Partnerschaften als Erwartungshaltung an den „richtigen“ Mann konstant bleibt. Demgegenüber entwickelte  sich im Rahmen der feministischen Emanzipation aber zunehmend auch ein gesellschaftlicher Blick auf Zerrbilder, in denen z.B. nur der „Looser“, der brutale Macho oder der tumbe Chaot gezeigt wird. „Männer sind Schweine“ wurde zu einem Musikhit und gerne werden postmodern-individualistische Lebensentwürfe propagiert, die ebenfalls kaum als Leitbild taugen.

Aufgrund der Häufigkeit trennungsbedingter Vaterentbehrung und des Mangels männlicher Lehrpersonen vor allem an den Grundschulen müssen zudem zunehmend mehr Männer in ihrer Sozialisationsgeschichte ohne hautnah erlebte Männlichkeitsmodelle auskommen. Für immer mehr Jungen und Männer bedeutet diese Entwicklung, dass sie in einem mit Zerrbildern und Extremen gefüllten Vakuum positiv-wegweisender Männlichkeitsbilder leben. So wird es für eine wachsende Anzahl von ihnen offensichtlich schwer, ihren eigenen Weg im Leben zu finden. In Bildungsstatistiken schneiden sie mittlerweile verlässlich schlechter als Mädchen ab. Auch in den psychiatrischen Kliniken häufen sich seit Jahren Fälle von krisenhaften und krankhaften Entwicklungen in Folge fehlender Orientierung, beruflicher Abstürze, partnerschaftlichen Scheiterns, von Sinnkrisen, mangelnder Anerkennung und Perspektive. Das Sigma-Zentrum Bad Säckingen beschäftigt sich seit Jahren mit dieser wachsenden Problematik und hat dafür spezielle therapeutische Angebote entwickelt.

Bestandsaufnahme

Die Entwicklungsverläufe von Jungen und Männern verlaufen in Deutschland immer häufiger problematisch. Hierzu einige Fakten: Die Schulleistungen von Jungen haben sich in den letzten Jahrzehnten verschlechtert. Ihre Abiturientenquote ist seit den 90er Jahren zurückgegangen. Dagegen ist ihr Anteil an den Haupt- und Sonderschülern, den Schul- und Studienabbrechern gestiegen [vgl. z.B. Dammasch, 2008; Hurrelmann, 2011]. Der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann über diese Entwicklung [2011]: „Die jungen Männer sind es inzwischen, die die deutsche Bildungsbilanz trüben. […] sie dominieren die Schülerschaft an den Haupt- und Förderschulen, sie verlassen die Schule viel häufiger als die jungen Frauen ohne Abschluss. Sie fallen leistungsmäßig immer weiter zurück und können im historischen Vergleich als Bildungsverlierer bezeichnet werden.“ [S. 190]

Die ungleichen schulischen Entwicklungen von Jungen und Mädchen wurden eindrücklich u.a. in der PISA-Studie dokumentiert. Die Bildungsforscherin Jutta Allmendinger [2009] über die Schere zwischen den von Jungen und Mädchen gezeigten Leistungen in den Ergebnissen:  „Die PISA-Werte der fünfzehnjährigen Mädchen gehen in Richtung der Werte des Spitzenreiters Finnland, die der Jungen in Richtung des Schlusslichts Mexiko.“

Immer mehr Jungen entwickeln Verhaltensauffälligkeiten. Kinder- und Jugendpsychiatern werden sie viermal so häufig vorgestellt wie gleichaltrige Mädchen. Bereits jeder achte zehnjährige (!) Junge trägt die Diagnose ADHS. Der Psychoanalytiker und Jungenforscher Frank Dammasch dazu: „In der Tat sind die mit der psychiatrischen Diagnose ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom mit Hyperaktivität) belegten und mit Methylphenidat behandelten Kinder im Grundschulalter ca. 85% männlichen Geschlechts, was von medizinischer Seite eigenartigerweise oft übergangen wird.“  [S.9, Dammasch, 2008]

Immer mehr Jungen und Männer driften in virtuelle Parallelwelten ab. Der Anteil von computerabhängigen Jungen hat deutlich zugenommen. Der Pädagoge und Familientherapeut Wolfgang Bergmann hierüber: „Die nervösen, hyperaktiven Jungen, die sich realen Ordnungen nicht fügen und realen Anforderungen nicht folgen können, bewegen sich in den digitalen Symbol- und Möglichkeitsräumen sicher und geduldig und mit hoher Ausdauer, als seien sie seelisch endlich zu Hause.“ [S.76, Bergmann, 2005]

Auch in höheren Altersklassen, in denen traditionell Frauen häufiger wegen psychischer Störungen behandelt werden, ist für Männer mittlerweile eine Zunahme von psychischen Störungen und der Inanspruchnahme von therapeutischen Hilfeleistungen dokumentiert [vgl. Möller-Leimkühler, 2010]. Einerseits sicherlich auch Ausdruck einer positiv zu bewertenden Entstigmatisierung von psychischem Leiden und Psychotherapie bei Männern zeigt sich hierin andererseits auch die schon bei den Jungen sichtbare faktische Zunahme psychischer Belastung von Männern.

Den zunehmend  krisenhaften Entwicklungsverläufen von Jungen und Männern liegt eine Reihe von Ursachen zugrunde [siehe z.B. Dammasch, 2008; Hoffmann, 2009; Lasch, 1995]. Neben veränderten ökonomischen Gegebenheiten, die traditionell männliche Stärken scheinbar überflüssig machen, ist hier auch die immer wieder offensiv betriebene Dekonstruktion männlicher Identifikationsmöglichkeiten zu nennen. Einhergehend mit dem zunehmenden Fehlen von Männern in den unmittelbaren Lebenswelten von Jungen führen diese Entwicklungen dazu, dass  Jungen und Männer immer seltener positive Modelle „hautnah“ erleben, die ihnen zeigen,  wie es möglich ist, als Mann in die Welt zu gehen, sein Leben zu gestalten und Krisen zu meistern.

In der Sigma-Klinik Bad Säckingen, in die seit Jahren immer mehr männliche Patienten überwiesen werden, haben wir es jedenfalls immer häufiger mit verunsicherten Männern zu tun,

  • denen vor Behandlung in unserer Klinik verinnerlichte positive Männlichkeitsmodelle, äußere Orientierungshilfen und Unterstützungsmöglichkeiten fehlten, um krisenhafte Entwicklungsabschnitte konstruktiv gestalten zu können;
  • die in konflikthaften Lebenssituationen mangels verinnerlichter Vorstellungen positiver männlicher Selbstbehauptung und Konfliktregulation im Bemühen gefangen blieben, Beschämung und Demütigung zu verhindern und in der Folge in Situationen, die ein aktives Ergreifen erfordert hätten, handlungsohnmächtig blieben und/oder ungeschickt agierten;
  • die auch aufgrund einer instabilen männlichen Identität in Krisensituationen im resignativen Empfinden, keinen Tritt mehr in der Welt fassen zu können,  „steckenblieben“ und sich in der Folge zunehmend selbst isolierten;
  • bei denen Rückschläge latente negative Männlichkeitsintrojekte aktivierten, die in Selbsthass, Rückzug von der Welt und auto-aggressive Selbstvernachlässigung mündeten.

Für die wachsende Gruppe von männlichen Patienten gibt es in der Sigma-Klinik schon seit Jahren eine spezielle Therapiegruppe. Sie soll im Folgenden kurz vorgestellt werden.

Eine Kurzvorstellung „Männer-Gruppentherapie“

Die Männergruppe ist eine Gruppentherapie nur für männliche Patienten. Sie findet einmal wöchentlich mit einer Dauer von 100 Minuten statt. Im Verlauf können neue Patienten zur Gruppe stoßen. Um eine für die Gruppenkohäsion notwendige Vertrautheit und Kontinuität der Mitglieder zu sichern, wird nach einer Probesitzung die Teilnahme von insgesamt mindestens vier Sitzungen von jedem Teilnehmer verlangt.

Die Patienten werden von ihrem fallführenden Therapeuten für die Gruppe angemeldet, der mit dem Patienten gemeinsam den Therapieplan erstellt und diesen im Prozess kontinuierlich mit dem Patienten vidiert und ggf. modifiziert.

Hintergrund und Wirkfaktoren

Nachdem es in unserer Klinik bereits eine Tanz- und Bewegungsgruppe ausschließlich für weibliche Patienten gegeben hatte, wurde die Gründung einer Gesprächsgruppe ausschließlich für Männer für sinnvoll erachtet. Hierfür sprachen und sprechen die Erfahrungen,  dass in einer Gesprächsgruppe mit anderen Männern und unter männlicher Leitung:

  • die Selbst- und Situationsakzeptanz (Krankheitsakzeptanz) erhöht, Widerstände gegen ein Einlassen auf die stationäre Behandlung reduziert und insgesamt die Behandlungsmotivation gesteigert werden kann. Unserer Erfahrung nach trägt alleine der geleitete Austausch unter Männern, die auch in Behandlung sind, häufig schon zu einer Verringerung von Schamgefühlen bei, die ob der erlebten Krisensituation und Aufnahme in stationäre Behandlung von männlichen Patienten regelmäßig empfunden werden, sie zusätzlich niederdrücken und ihnen ein Einlassen auf die Behandlung immer wieder erschweren.
  • die (Abwehr-) Schwelle für die Bearbeitung bestimmter Themen sinken kann. Insbesondere erlebte „Abstürze“ im Zusammenhang mit beruflichen und partnerschaftlichen Krisen und damit verbundene Erschütterungen der eigenen – männlichen – Identität können unter Männern unserer Erfahrung nach teilweise leichter besprochen werden. Die Bedeutung der Männergruppe sehen wir hier auch vor dem gesellschaftlichen Hintergrund häufiger trennungsbedingt erlebter Vaterlosigkeit und einem zunehmenden Männermangel  in Schul- und Therapieinstitutionen, wodurch bestimmte für das männliche Selbstwert- und Identitätserleben förderliche Erfahrungen – insb. Erleben männlicher Unterstützung, Lernprozesse am gleichgeschlechtlichen Modell– in den durchschnittlichen Sozialisationsprozessen zunehmend unwahrscheinlicher geworden sind [vgl. z.B.  Dammasch, 2008; Franz, 2011;  Hopf, 2008; Kauth, 2015]. In der Männergruppe werden für Männer „auf der Suche“ 8vgl. Warrlich & Reinke, 2007] entsprechende Modelllernprozesse angestoßen.
  • besondere Wirkfaktoren zum Tragen kommen:  Die wohlwollende Präsenz von Geschlechtsgenossen und männlichen Therapeuten alleine kann als positives Rückhalt gebendes männliches Introjekt wirken und verinnerlicht werden.
  • ein erster Schritt für korrektive Erfahrungen insbesondere in Bezug auf Erfahrungen mit männlichen Gruppen oder Autoritäten gemacht werden kann.
  • Patienten unserer Erfahrung nach durch die Gruppenerfahrung immer wieder motiviert werden, brachliegende freundschaftliche und kameradschaftliche Beziehungen (wieder) aufzubauen bzw. stärker zu pflegen, was den depressiogenen isolationistischen Bewältigungsmustern vieler männlicher Patienten positiv rückfallprophylaktisch entgegengewirkt.

Indikationsbereiche

Die Gruppe eignet sich für alle männlichen Patienten mit Eigenmotivation und hinreichenden strukturellen Voraussetzungen: bei psychotischen Dekompensationen oder stärkeren strukturellen Einschränkungen ist die Gruppe kontraindiziert.

Ablaufstruktur

In ihrer Ablaufstruktur ist die Männer-Gruppe der in der Sigma-Klinik zweimal wöchentlich stattfindenden morgendlichen Gesprächsgruppe ähnlich: Auf eine Vorstellungs- und Befindlichkeitsrunde folgt eine Themensuch-Phase, an die sich eine intensive Bearbeitungsphase anschließt. Die Gruppe endet mit einer Abschlussrunde, bei der auch aus der Gruppe scheidende Teilnehmer verabschiedet werden.

Handhabung

Themen werden von den Leitern nicht vorgegeben.  Die Patienten werden eingeladen, eigene Themen, die sie beschäftigen bzw. belasten, in die Gruppe einzubringen. Die Leiter bemühen sich um eine ressourcenorientierte, wohlwollend-haltgebende Grundatmosphäre. In der Bearbeitung variieren problembewältigungs- und klärungsbezogene Interventionen, wobei der Förderung von Selbst-Empathie eine wichtige Rolle zukommt.

Die Teilnehmer sollen im männlichen Identitätserleben einerseits bekräftigt werden, andererseits in der Gruppe für neue bzw. bis dato blockierte Erlebens- und Handlungsspielräume sensibilisiert werden, um hier größere Spielräume zu gewinnen.

Übertragungsprozesse werden nicht gefördert, aber im Hier und Jetzt aufgegriffen, wenn sie auftreten. Wenn ihnen dies prozessförderlich erscheint, geben die Leiter Inputs (Vermittlung therapeutischer Konzepte, Informationen über mögliche Ressourcen; Kurz-Erzählungen von Märchen/Filmen) in die Gruppe.

Heilsame Erfahrungen

Dass Jungen und Männer in ihrer Entwicklung auf die Hilfe anderer Jungen und Männer positiv angewiesen sind, ist im gesellschaftlichen Bewusstsein kaum verankert. Entsprechend groß ist bei einigen Teilnehmern in ihrer ersten Sitzung die unterschwellige Skepsis gegenüber der Gruppe: Erwartungen füllen den Raum, in der Gruppe umerzogen oder zu erniedrigenden Ritualen genötigt zu werden; lächerlich gemacht oder aufeinander los gelassen zu werden. Die im weiteren Gruppenverlauf häufige Erfahrung, als Mann wohlwollend angenommen, in bestimmten Potentialen positiv bestärkt und von anderen Männern – auch auf konfrontative Weise – unterstützt zu werden, wird dann immer wieder als Überraschung erlebt. Von vielen Teilnehmern wird sie als heilsam beschrieben.

Literatur

  • Allmendinger, Jutta (2009). „Die jungen Frauen sind stark.“ In der Badischen Zeitung veröffentlicht am 30. November 2009, online erhältlich unter www.badische-zeitung.de/deutschland-1/die-jungen-frauen-sind-stark—23327361.html.
  • Bergmann,W. (2008). Kleine Jungs – große Not: Wie wir ihnen Halt geben. Weinheim: Beltz.
  • Dammasch, F. (2008). Die Krise der Jungen. Statistische, sozialpsychologische und psychoanalytische Aspekte. In: F. Dammasch. (Hrsg.): Jungen in der Krise. Frankfurt: DTP.
  • Franz, M. (2011).  Der vaterlose Mann. Die Folgen kriegsbedingter und heutiger Vaterlosigkeit. In: M. Franz, A. Karger (Hrsg.): Neue Männer – muss das sein? Risiken und Perspektiven der heutigen Männerrolle. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Hoffmann, A. (2009). Rettet unsere Söhne. Wie den Jungs die Zukunft verbaut wird und was wir dagegen tun können. München: Pendo.
  • Hopf, H. (2008). Die unruhigen Jungen. In: F. Dammasch. (Hrsg.): Jungen in der Krise. Frankfurt: DTP.
  • Kauth, Bill (2015): A Circle of Men: The Original Manual for Men’s Support Groups – New Edition. New York: St. Martin Press.
  • Lasch, C. (1995). Das Zeitalter des Narzissmus. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag.
  • Warrlich, C & Reinke, E. (2007) Auf der Suche. Psychoanalytische Betrachtungen zum AD(H)S. Gießen: Psychosozial Verlag.