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Altersdepression erkennen und behandeln

Von: Dr. med. Olaf Windmüller | 09.04.2017

Depressionen gehören zu den häufigsten Erkrankungen, die psychiatrischer Behandlung bedürfen. Oft sind sie nur in einem stationären Aufenthalt nachhaltig und befriedigend zu lindern. Mit dem demographischen Wandel ist naturgemäß eine größere Zahl von Menschen im höheren Lebensalter von Depressionen betroffen. Beim Auftreten einer Depression im höheren Alter spricht man von einer „Altersdepression“.

Über dieses Thema sprechen wir mit dem Neurologen und Psychiater Dr. Olaf Windmüller, Oberarzt im Sigma-Zentrum, der sich intensiv mit der Diagnostik und Behandlung solcher Erkrankungen befasst.

Herr Dr. Windmüller, Depressionen gibt es in jedem Lebensalter. Was versteht man unter dem Begriff „Altersdepression“ und wie häufig kommt diese vor?

Dr. Windmüller: Depressionen gehören in der Tat zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im höheren Lebensalter und beeinträchtigen die Lebensqualität der Betroffenen erheblich. Bisher gibt es keine einheitliche, allgemein akzeptierte Definition der Altersdepression hinsichtlich des Erkrankungsalters. Aufgrund der Zunahme der Altersgruppe der über 65-Jährigen um 20 % in den nächsten zehn Jahren werden ältere Patienten mit Depressionen im ambulanten und stationären Behandlungsrahmen zunehmen.

Die Erkrankungshäufigkeit für klinisch bedeutsame Depressionen im höheren Lebensalter wird mit Werten zwischen 8 und 18 % angegeben. In der Altersgruppe über 75 Jahre wurde sogar eine Häufigkeit depressiver Symptome bis zu 37 % beschrieben. Das Depressionsrisiko steigt bei einem älteren Menschen mit Mehrfacherkrankungen an, bei sechs und mehr Erkrankungen auf das Sechsfache gegenüber einem Gesunden.

Welches Erscheinungsbild kann die Altersdepression haben bzw. wie zeigt sie sich in der klinischen Aufnahmesituation?

Dr. Windmüller: Das Erscheinungsbild der Altersdepression ist sehr unterschiedlich. Es bestehen keine erheblichen Unterschiede zwischen Depressionen im jungen und solchen im höheren Lebensalter. Ältere Menschen leiden aber häufiger an körperlichen Erkrankungen die subjektive Beschwerden wie eine Depression verursachen können. Als Beispiele können die Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus), Anämien (Blutarmut) oder eine Unterfunktion der Schilddrüse genannt werden. Stehen bei einer Altersdepression körperliche Symptome im Vordergrund, werden diese oft fälschlicherweise als Zeichen natürlicher Alterungsprozesse gewertet. In solchen Fällen liefern aber depressionstypische Symptome, wie Freud- und Hoffnungslosigkeit, Ängste, Interessenverarmung aber auch unerklärliche Schmerzen und allgemeine Verlangsamung wichtige Hinweise auf das Vorliegen einer Depression.

Häufig beklagen die Betroffenen auch ausgeprägte Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, die typischerweise bei der Altersdepression auftreten.

Der Zusammenhang zwischen Depression und Demenzerkrankungen ist bisher nicht vollständig aufgeklärt. Allerdings weisen Forschungsergebnisse auf ein erhöhtes Risiko für eine Demenz bei einer Depression in der Vorgeschichte hin. Umgekehrt besteht bei einer Demenz eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken. Oft tritt diese schon vor dem Auftreten nachweisbarer Gedächtnisstörungen auf.

Im Sigma-Zentrum wird ein ganzheitlicher und interdisziplinärer Behandlungsansatz auf der Basis des bio-psycho-sozialen Modells vertreten – also eine komplexe Wechselwirkung von erblichen, körperlichen, biographischen, psychischen und sozialen Faktoren bezüglich der Entstehung von Erkrankungen und der Erhaltung von Gesundheit. Welche Bedeutung kommt diesem Behandlungsansatz bei Menschen mit Depressionen im höheren Alter zu?

Dr. Windmüller: Auf der biologischen Ebene gibt es derzeit verschiedene Hypothesen der Depressionsentstehung. Laut der „Monoaminhypothese“ führt ein Ungleichgewicht von Botenstoffen (z.B. Noradrenalin und Serotonin) im Zentralnervensystem zur Entstehung einer Depression.

Ein weiterer Mechanismus scheint eine chronische Überaktivierung mit der Ausschüttung von Stresshormonen, wie z.B. Kortisol, zu sein. Mittlerweile ist gut belegt, dass die Kombination von genetisch bedingter Empfindlichkeit und traumatischen Lebenserfahrungen zu Störungen der Stressregulation und langfristig zur Entwicklung einer Depression führen kann. Auch chronische Entzündungsprozesse spielen eine Rolle. So zeigen depressive Patienten oft Zeichen einer chronisch entzündlichen Immunantwort.

Auch können einige Medikamente depressive Symptome hervorrufen, so gewisse Blutdruckmedikamente (z.B. Betablocker) oder auch Hormonpräparate.

Im Alter treten weiterhin vermehrt Gefäßerkrankungen auf, die zu Verlusten sowohl der grauen als auch der weißen Substanz des Gehirns führen können. Das Auftreten einer Depression bei solchen Gefäßschädigungen wird als „vaskuläre Depression“ eingeordnet.

Nicht nur das Gehirn unterliegt im Alter Veränderungen. Auch die Lebenssituation Hochbetagter unterscheidet sich von derjenigen jüngerer Menschen: Altersspezifische psychosoziale Faktoren, die das Auftreten einer Depression begünstigen sind Einsamkeit, soziale Isolierung und das vermehrte Auftreten von belastenden Lebensereignissen, wie z. B. der Verlust naher Angehöriger.

Auf der anderen Seite belegen Studien klar, dass emotionale Unterstützung, tragende Beziehungen und eine gute soziale Integration ältere Menschen vor Depressionen bewahren können. Ein wichtiger Schutzfaktor vor Depressionen kann auch die positive Erfahrung sein, Alltagsprobleme mit der gesammelten Lebenserfahrung („Altersweisheit“) befriedigend bewältigen zu können und diesbezüglich auch von Jüngeren gefragt und gebraucht zu werden.

Wo sehen Sie die Besonderheiten in der Diagnostik der Depression bei älteren Menschen?

Dr. Windmüller: Eine umfassende Diagnostik, die sowohl psychosoziale als auch somatische Aspekte einbezieht, ist in jedem Lebensalter der Schlüssel zu einer erfolgreichen Therapie. Bei der Altersdepression sollte ein besonderer Fokus auf der Erfassung körperlicher Erkrankungen und regelmäßig eingenommener Medikamente liegen.

Zuerst erfolgt die detaillierte Erfassung der körperlichen Vorerkrankungen. Eine gründliche neurologische und internistische Untersuchung sowie die Bestimmung spezifischer Laborwerte (u. a. Blutbild, Leber- und Nierenwerte, aber auch Schilddrüsenhormone und Vitamin B12) erfolgen zur systematischen Erhebung der Erkrankungen und zum Ausschluss von Stoffwechselentgleisungen. Zudem werden standardisiert ein EKG und ein EEG durchgeführt. Bildgebende Verfahren, in erster Linie die Magnetresonanztomographie des Kopfes, ermöglichen das Erkennen von Durchblutungsstörungen oder entzündlichen Erkrankungen.

Bei der Anamnese sollte ein Substanzmissbrauch erfasst werden, der auch als Folge ungeeigneter Selbstmedikation bei der Depression im Alter bestehen kann. Die Häufigkeit und das Ausmaß von Alkohol- und Schlafmittelmissbrauch in der älteren Bevölkerung werden meist unterschätzt. Diese Problematik ist wegen der depressionsfördernden Effekte von Alkohol und Schlafmitteln besonders zu beachten.

Wie ist die Prognose, wenn eine Altersdepression erkannt wird? Müssen Patienten Angst vor der Diagnose haben und wie kann ihnen geholfen werden?

Dr. Windmüller: Am Beginn der Behandlung eines Patienten mit einer depressiven Störung steht das Aufklärungsgespräch mit dem Ziel, dem Betroffenen das bio-psycho-soziale Krankheitsmodell der Depression zu vermitteln und ihn über seine Beschwerden, den Verlauf und die Behandlung aufzuklären. Dem Betroffenen sollte mit Geduld und Sorgfalt eine realistische Hoffnung auf Besserung vermittelt werden. Die Wahl einer geeigneten Behandlung richtet sich nach der Ausprägung der Beschwerden und dem Erkrankungsverlauf.

Grundsätzlich gibt es vier primäre Behandlungsstrategien: die Psychotherapie, psychosoziale und den Lebensstil betreffende Interventionen, Medikamente und zusätzliche biologische Therapieverfahren (z. B. die Lichttherapie).

Auch körperliche Aktivität hilft laut Studienlage bei älteren Menschen gegen depressive Symptome. Durch körperbezogene Therapien und Bewegungsangebote im Rahmen der Behandlung werden derartige Verhaltens- änderungen positiv beeinflusst.

Unter Anwendung dieser Therapiemöglichkeiten besteht die Aussicht auf eine baldige und vollständige Genesung.

Bestehen bei der Psychotherapie der Altersdepression Besonderheiten?

Dr. Windmüller: Die Psychotherapie ist bei der Depression im Alter ein wirksames Therapieverfahren. Studien hierzu fanden keinen Unterschied in der Wirksamkeit von Psychotherapie bei Älteren im Vergleich zu Jüngeren. Körperliche Erkrankungen und Alterungsprozesse, die u. a. die Mobilität und die sensorischen Fähigkeiten (z. B. das Hören und Sehen) einschränken, erschweren eine Psychotherapie im Alter. Aus diesem Grund wurden altersadaptierte Therapieformen entwickelt, die Psychotherapie im Alter ermöglichen.

Gibt es Besonderheiten bei der Pharmakotherapie der Altersdepression?

Dr. Windmüller: Eine abwartende Haltung diesbezüglich ist bei einer leichten bis mittelschweren depressiven Symptomatik möglich. Bei schweren Depressionen sind in der Regel Medikamente aus der Gruppe der Antidepressiva hilfreich. Aufgrund der guten Verträglichkeit und des geringen Nebenwirkungspotenzials werden im höheren Lebensalter in erster Linie selektive Serotonin- und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer empfohlen.

Die Pharmakotherapie beim älteren Menschen erfordert ein komplexes Wissen um altersphysiologische Prozesse, die Auswirkungen auf den Abbau von Medikamenten im Organismus haben. Weiterhin sollte der Aspekt der „Polypharmakotherapie“ (d.h. Einnahme von mehr als 5 verschiedenen Medikamenten) berücksichtigt werden, da Wechselwirkungen von Medikamenten zu zahlreichen unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW) führen können. Auch besteht ein erhöhtes Risiko von Einnahmefehlern. Generell gilt, mit einer möglichst niedrigen Dosis zu beginnen und Dosiserhöhungen sehr langsam und vorsichtig vorzunehmen.

Messungen der Medikamentenspiegel, eine regelmäßige Kontrolle der Laborwerte und des EKG können die Risiken senken.

Welche Untersuchungen und Behandlungen bieten Sie Betroffenen und Ratsuchenden als Erst- und Langzeithilfe im Sigma-Zentrum an?

Dr. Windmüller: Die meisten Betroffenen suchen als erste Anlaufstelle ihren Hausarzt auf. Die Diagnostik und Behandlung der Depression erfolgt zumeist dort. Dabei behindern Informationsmangel, Angst vor Stigmatisierung sowie die mangelnde Vernetzung zwischen den Versorgungsbereichen oft eine rasche und erfolgreiche Behandlung. Die Entwicklung neuer altersgerechter Versorgungsmodelle stellt deshalb eine besondere Herausforderung dar.

Koordinierte Versorgungsansätze mit enger Zusammenarbeit zwischen Hausärzten und Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie und anderen an der Behandlung beteiligten Berufsgruppen zeigen sich gegenüber der alleinigen Behandlung in der Hausarztpraxis in Studien überlegen. Diesen Ansatz verfolgt auch das Früherkennungszentrum für seelische Störungen in Bad Säckingen. Hier finden Sie eine persönliche und diskrete Anlaufstelle der Beratung zu psychischen und psychosomatischen Beschwerden. In diesem Rahmen lassen sich dann weitere Behandlungsoptionen besprechen.

Vielen Dank für das Gespräch. Weitere Informationen sowie persönliche Beratungen im Früherkennungszentrum unter www.frueherkennung.de

Autor:

Dr. med. Olaf Windmüller

Chefarzt Ambulanz,
Leitender Oberarzt Abteilung 2
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Facharzt für Neurologie
Direktor Sigma-Akademie

Vita

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